Ben Hur – Experteninterview zum Wagenrennen

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

  • Ben_Hur.jpg
    Gestern, am 1. September, ist mit Ben Hur die Neuverfilmung des Monumentalklassikers aus dem Jahr 1959 mit Charlton Heston in der Hauptrolle in den deutschen Kinos gestartet. Dr. Krešimir Matijević von der Universität Trier ist Experte für Alte Geschichte und nahm sich in verschiedenen Aufsätzen dem aufregenden Thema Wagenrennen an. Der perfekte Gesprächspartner also, um die Bedeutung von Wagenrennen im Alten Rom zu ergründen und Vergleiche zu der Umsetzung im Film zu suchen. Nachfolgend könnt ihr daher ein Experteninterview mit ihm zu den Wagenrennen lesen und zum Abschluss noch eine kurze Featurette betrachten, die sich mit der Umsetzung des Wagenrennens im Film befasst.

    Lieber Herr Dr. Matijević, kann man die Wagenrennen in der Römischen Kaiserzeit mit der Formel 1 im Hier und Jetzt vergleichen?

    Dr. Krešimir Matijević: Sicherlich kann man einen Vergleich vornehmen. Letztlich gehen die heutigen Wagenrennen (über viele Umwege) auf die antiken zurück. Zahlreiche Parallelen lassen sich aufweisen: Es gibt einen festgelegten Parcours, der von Zuschauerrängen umgeben ist. Es gibt Gegner in anderen Wagen, die es zu schlagen gilt. Es gibt Karambolagen, die äußerst gefährlich sind, und dem Sieger winken Ruhm, Geld und vieles mehr.

    Wie entstanden Wagenrennen?

    Dr. Krešimir Matijević: Wie bei so vielen anderen Dingen haben die Römer sich auch bei den Wagenrennen von den Griechen beeinflussen lassen. Schon in Homers Epos, der Ilias (8. Jh. v. Chr.!), findet ein Wagenrennen zu Ehren des verstorbenen Patroklos statt. Interessanterweise gibt es bereits hier Regelverstöße und einen Schiedsrichter, der diese ahndet. Aus den Spielen zu Ehren von Toten wurden dann im Laufe der Zeit regelmäßig abgehaltene Spektakel, unter anderem bei den Olympischen Spielen. Die Römer haben das Ganze dann in der römischen Kaiserzeit noch einmal „professionalisiert“.

    Im Filmklassiker „Ben Hur“ kommt es zu zahlreichen Unfällen beim Wagenrennen. Wie gefährlich war das Spektakel?

    Dr. Krešimir Matijević: Was die Gefährlichkeit des gezeigten Rennens in William Wylers Verfilmung von 1959 angeht, ist man sich in der Forschung einig, dass der Hollywood-Streifen in gelungener Art und Weise die tatsächlichen Risiken römischer Circus-Spiele widerspiegelt. Dies gilt sowohl für die bewusst in Kauf genommenen Karambolagen, als auch für die halsbrecherischen Manöver beim Wenden der Wagen in den Kurven. Man darf davon ausgehen, dass es häufiger zu Todesfällen kam.

    Im Film versucht Antagonist Messala mit einem speziellen Wagen, an dessen Radnaben außen messerscharfe Fräsen montiert sind, die Konkurrenz auszuschalten. War das eine gängige Methode?

    Dr. Krešimir Matijević: Natürlich hat es derartige „Radkappen“ im römischen Circus nicht gegeben. In einem tatsächlichen Rennen wären solche Waffen auch eher den Pferden der Kontrahenten gefährlich geworden als deren Wagen bzw. Rädern, da diese praktisch nicht aneinandergeraten konnten – jedenfalls bei quadrigae, den Vierergespannen.

    Also sind die umfunktionierten Radkappen ein Fantasieprodukt Hollywoods?

    Dr. Krešimir Matijević: Nein, „Messerräder“ kennt man aus der Antike aus dem Nahen Osten. Man spricht von Sichelwagen, die unter anderem im Alten Testament erwähnt werden. Die an der Wagenachse befestigten Sicheln waren aber deutlich länger (ca. 90 cm). Mit diesen Wagen ist man durch das gegnerische Heer gefahren.

    Im Film sind die Teilnehmer beim Wagenrennen wild gemischt: Wer nahm traditionell daran teil?

    Dr. Krešimir Matijević: Es gab, wie in heutiger Zeit, Rennställe, die allerdings nicht nach Sponsoren, sondern nach Farben benannt waren: Blau, Grün, Rot und Weiß. Die Fans der Rennställe trugen die entsprechenden Farben – ähnlich wie heutige Fußballfans. Bei den römischen Rennfahrern handelte es sich üblicherweise um Sklaven oder auch ehemalige Sklaven. Insofern passt es ganz gut, dass Ben-Hur als ehemaliger Galeerensklave an dem Rennen in Rom teilnimmt. Bei Messala handelt es sich um einen römischen Militärtribun: Somit stammte er aus der Oberschicht der römischen Gesellschaft. Man hat in der Forschung bemängelt, dass ein derartiger Mann von Stand her sicher nicht an Rennen teilgenommen hätte. Tatsächlich war es diesen Römern sogar verboten an Spielen teilzunehmen. Allerdings belegen gerade diese Verbote, dass es derartige Rennfahrer offensichtlich gab! Auf jeden Fall ist die Idee, dass ein noch recht junger römischer Adliger – Messala ist im Buch zu Beginn der Geschichte 19, zum Zeitpunkt des Rennens etwa 27 Jahre alt – gegen gewisse Normen verstößt und sich im Osten des Reiches bei Wagenrennen „austobt“, keineswegs völlig ausgeschlossen.

    Zurück zu den Fakten: Was bedeutete ein Sieg bei solch einem Wagenrennen – und was hatte der Verlierer zu erwarten?

    Dr. Krešimir Matijević: Der Sieger erhielt – wie heute – Ruhm und Geld. Es ist außerdem von Grabinschriften aus der Antike bekannt, in denen Rennfahrer stolz die Zahl ihrer Siege (und höheren Platzierungen) aufzählten, ebenso die Summe der Preisgelder. Verlierer mussten nichts befürchten. Im nächsten Rennen konnte sich das Blatt schon wieder wenden.

    In der Römischen Kaiserzeit wurden die Wagenrennen im „Circus Maximus“ ausgetragen. Mittlerweile erinnert nur wenig an diese Zeit – der Platz geht neben dem Forum Romanum unter. Wie kam es dazu?

    Dr. Krešimir Matijević: Für den Bau des Petersdoms wurden die Sitzstufen entfernt. Der heutige Circus wird trotzdem noch für Großveranstaltungen genutzt.



    Quelle: Paramount Pictures

    437 mal gelesen

Kommentare 0

Keine Kommentare vorhanden