Die Taschendiebin

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  • Einleitung


    Drei Jahre nach seinem Ausflug ins amerikanische Filmgeschäft mit dem beklemmenden Thriller Stoker, kehrte Regiewunder Park Chan-wook (Oldboy) nach Südkorea zurück, um seine faszinierende Vision von Sarah Waters Bestsellers Fingersmith auf die Leinwand zu bringen. Angesiedelt im von Japanern besetzten Korea der 1930er Jahre tritt die junge Sook-hee die Arbeit als Hausmädchen für die reiche japanische Erbin Hideko an - allerdings im Auftrag eines hinterlistigen Betrügers. Ihre Aufgabe ist es, die hübsche Erbin dahin zu manipulieren, dass sie den als Grafen getarnten Betrüger Fujiwara heiratet und nicht ihren Onkel. Die beiden Frauen verlieben sich ineinander, trotzdem scheint der Plan aufzugehen, bis das ganze Geschehen eine unerwartete Wendung nimmt.

    Die folgende Rezension bezieht sich auf die Langfassung des Films.


    © 2017 Koch Media

    Kritik


    Auch wenn die Handlung auf den ersten Blick etwas abgegriffen wirkt, so erzählt Park die Geschichte visuell so atemberaubend, dass man gleich in seinen Bann gezogen wird. Der in drei Teile gegliederte Film lässt einen allerdings nur im ersten Teil auf eine schon oft gesehene Geschichte schließen. Wenn einem das faszinierende japanische Anwesen, die knisternde Spannung zwischen den drei Hauptdarstellern, der verzaubernde Soundtrack oder die fantastisch geschriebenen Dialoge nicht schon von dem Gedanken abgebracht haben, dann wird es die erste gekonnt gesetzte Wendung am Ende des ersten Teils sicherlich erreichen. Die aus verschiedenen Perspektiven erzählten ersten beiden Glieder offenbaren einem immer neue Ansichten und Interpretationsmöglichkeiten und so entsteht nach und nach ein erstaunlich geschickt gestricktes Spiel aus Manipulation und Täuschung, sodass man nie so richtig weiß, was wer eigentlich im Schilde führt.

    Allerdings ist die wendungsreiche und herausragend konstruierte Geschichte nicht die wahre Stärke des Werkes. Die eigentliche Kraft entfaltet der Film durch seine unglaublich gut komponierten Bilder, den faszinierenden Kulissen, den starken Darstellern und dem von Parks Stammkomponist Jo Yeong-wook großartig arrangierten Soundtrack. Gerade das Zusammenspiel von Musik und Bildern erlebt man in diesem Ausmaß nur sehr selten. Jo bewies schon bei Parks Werken Oldboy und Lady Vengeance, wie gut ihm die Vertonung von seinen Bildern liegt. Zusammen erschaffen sie einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Man genießt es förmlich in die verträumten Bilder hineingezogen zu werden und das obwohl Park in der Regel von tiefen menschlichen Abgründen erzählt. Aber gerade dieser Kontrast lässt eine besondere Faszination erblühen. Die Taschendiebin bringt diesen scheinbaren Widerspruch perfekt auf den Punkt. So wechseln sich stets verstörende Sequenzen mit wunderschönen und berührenden ab - sie fließen oft sogar in einander über.


    © 2017 Koch Media


    Die recht ausführlichen erotischen Sequenzen unterstreichen die starke emotionale Verbindung zwischen Hideko und Sook-hee, die vorher gekonnt und nicht zu aufdringlich aufgebaut wurde. Dem entgegen stehen die etwas befremdlichen Sitzungen mit Hidekos Onkel, bei denen seine Nichte reichen Edelleuten aus pornographischen Lektüren vorliest. Dieser Balanceakt ist ein schwieriges Unterfangen, woran sich der Regisseur allerdings gekonnt entlanghangelt, ohne auch nur einmal ins Wanken zu kommen.

    Unterstützt wird er stets von der tollen Ausstattung. Kostüme, Maske, Kulissen - alles leistet einen elementaren Beitrag. Gerade das Anwesen der japanischen Erbin strahlt eine starke Aura aus. Auf der einen Seite steht das wunderschöne Design des Hauses im japanischen Stil. Hier und da entdeckt man westliche Einflüsse, was viel über die Zeit und seiner Problematik erzählt. Begleitet von einem riesigen Garten mit wunderschönen Alleen, die einen schon beim Erblicken begeistern. Auf der anderen Seite findet sich der Vorleseraum für die Edelleute, die von Hideko ihre Phantasien beflügeln lassen. Akribisch gestaltet, perfekt arrangiert wird der Raum von Bächen, Bücherregalen, Vitrinen und einer sterilen Plattform für die Lesungen durchzogen. Darunter entfaltet sich ein Keller, der die abartigen Träumereien des Onkels widerspiegelt. In Kombination strahlt der Lesungsraum eine schon fast bedrohliche Stimmung aus. Der unangenehme, streckenweise Furcht einflößende Onkel, der toll von Jo Jin-woong dargestellt wird, überträgt die Stimmung in jede Szene, auf die er Einfluss hat. Aber gerade zwischen den befremdlichen Sequenzen finden sich viele wunderbare Dialoge, unfassbar berührende Szenen und unbeschreibbar beeindruckende Bilder. Gerade dieser immer wieder auflebende Kontrast zwischen Abartigkeit und der Schönheit im Gesamten formen einen besonderen Reiz.


    © 2017 Koch Media

    Generell sind die Darsteller beispiellos gut gewählt worden und präsentieren eine starke Darbietung. Allen voran fasziniert die vielseitige und schwer durchschaubare Kim Min-hee als Lady Hideko. Sie setzt darstellerische Nuancen punktgenau und führt somit den Zuschauer immer wieder in die Irre. Die auch in Korea noch relativ unbekannte Kim Tae-ri bedient den Typ des naiven Hausmädchens in Perfektion. Die Unschuld, die sie ausstrahlt verzaubert einen buchstäblich. Und gerade im Zusammenspiel entsteht zwischen Min-hee und Tae-ri eine lodernde Leidenschaft, die sich unweigerlich auf den Zuschauer überträgt. Und Ha Jung-woo als Betrüger sorgt mit seiner manipulativen Art stets für die nötige Brisanz in den Personenkonstellationen. Bereits in dem Thriller The Chaser bewies er sein Können für hinterlistige Figuren, dem er nun noch eine Portion Charme hinzufügte.


    © 2017 Koch Media

    Park hat es wieder geschafft eine teilweise etwas verstörende Geschichte in wunderschöne Bilder zu hüllen. Die Darsteller bieten eine großartige Leistung, Parks Bildersprache und Erzählweise lässt einen förmlich dahinschmelzen und der Soundtrack verleiht dem ganzen noch einen besonderen Zauber. Trotz der über 160 Minuten Laufzeit, hätte der Film noch ein ganzes Stück länger gehen können, da die Figuren und ihre Geschichten einen permanent in ihren Bann ziehen. Somit ist Die Taschendiebin ein perfekter Beweis für eine großartige Symbiose aus ausgezeichneter Erzählstruktur, Soundtrack, Kamera, Ausstattung und Darsteller. Parks subtiler, manchmal schon absurd genialer Humor runden das Werk noch auf angenehme Art und Weise ab.

    Fazit


    Mit Die Taschendiebin ist Regisseur Park Chan-wook nicht nur ein herausragend gut strukturierter und spannender Thriller gelungen, sondern vor allem auch eine wunderschöne berührende Liebesgeschichte, die man so in der Regel nicht zu sehen bekommt.

    10/10

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    Infos
    Originaltitel:
    아가씨 (Ah-ga-ssi) / The Handmaiden (englisch)
    Land:
    Südkorea
    Jahr:
    2016
    Studio/Verleih:
    Koch Films
    Regie:
    Park Chan-wook
    Produzent(en):
    Park Chan-wook, Syd Lim, Jay Lee, Micky Lee
    Drehbuch:
    Sarah Waters (Roman), Park Chan-wook, Jeong Seo-kyeong
    Kamera:
    Chung Chung-hoon
    Musik:
    Jo Jeong-wook
    Genre:
    Thriller, Drama, Erotik
    Darsteller:
    Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Jo Jin-woong
    Inhalt:
    Die junge Sook-hee fängt in einem großen Anwesen als persönliches Hausmädchen der reichen japanischen Erbin Hideko an. Allerdings ist ihre wahre Aufgabe die Manipulation Hidekos, sodass sie sich in einen jungen vermeintlichen Grafen verliebt, damit er ihr Erbe an sich reißen kann. Doch nach und nach kommen die Herrin und das Hausmädchen sich näher. Trotzdem scheint der ursprüngliche Plan aufzugehen. Zumindest auf den ersten Blick.
    Start (DE):
    05.01.2017
    Start (USA):
    21.10.2016
    Laufzeit:
    144 Minuten / 165 Minuten
    FSK:
    ab 16 Jahren
    Links
    Webseite:
    http://www.handmaidenmovie.com
    deutsche Webseite:
    http://www.kochmedia-film.de

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