Freier Fall

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    Kritik


    Das Spielfilmdebüt von Regisseur Stephan Lacant wird als deutsches "Brokeback Mountain" gehandelt und wenn man sich die Geschichte anschaut, hinkt der Vergleich zu Ang Lees Meisterwerk keineswegs. Der Regisseur selbst spricht davon, dass es in Freier Fall nicht vordergründig um die Liebe zweier Männer geht, sondern das Drama viel mehr vom inneren Konflikt aus Liebe, Hass, Verleugnung und Selbstfindung erzählt, darum, die Charaktere mit ihren Ängsten und Hoffnungen ernst zu nehmen und sie für den Zuschauer greifbar zu machen. Ob das dem Filmemacher gelungen ist?

    Das Drama erzählt die Geschichte von Marc Borgmann (Hanno Koffler), einem angehenden Polizisten und werdenden Vater, der auf einem Lehrgang seinen Kollegen Kay Engel (Max Riemelt) kennenlernt. Anfangs gibt es kurze Gespräche, ein kleines Lauftraining, bis Marc erkennt, dass Kay an mehr interessiert ist. Marc ist verwirrt, lässt sich treiben und versucht, nach dem Lehrgang in sein normales Leben zurückzufinden. Mit seiner Freundin Bettina (Katharina Schüttler) bezieht er die Doppelhaushälfte seiner Eltern, plant die gemeinsame Zukunft, während der Alltag wieder eingreift. Doch als Kay eines Tages als neuer Kollege in seinem Revier vorgestellt wird, beginnen die zwei Männer eine Affäre. Während Kay ihm seine Liebe gesteht, ist Marc hin- und hergerissen zwischen einer neuen Welt, die ihm nicht nur im Polizeidienst Ärger einbringen könnte und seiner schwangeren Frau, die er nicht im Stich lassen möchte.

    Freier Fall bietet Gefühlschaos par excellence. Mit Marc hat Regisseur und Drehbuchautor Stephan Lacant einen Charakter erschaffen, dessen Gefühlswelt man als Zuschauer nicht teilen möchte, aber zu jeder Zeit verstehen kann. Scheint die Affäre anfangs nur etwas spannendes, interessantes und neues zu sein, werden die Besuche bei Kay häufiger, intensiver... Aber die Frage nach dem "Wieso?" stellt sich dem Charakter immer wieder, seine innere Zerrissenheit, ob er das Richtige tut, wie es wirklich um seine Gefühlslage steht, steht zu jeder Zeit im Vordergrund. Der Zuschauer spürt seinen Konflikt und kann ihm nicht einmal böse sein, obwohl er vieles falsch macht.

    Das dies so hervorragend funktioniert ist Hanno Koffler ("Krabat", "Der rote Baron") zu verdanken, der seinen tiefgründigen Charakter perfekt verkörpert. Ihm ist zu jeder Sekunde die Verunsicherung, der Zweifel, die Angst und die Hoffnung ins Gesicht geschrieben. Man hofft und bangt mit ihm, dass er sich findet und alles gut verlaufen mag. Max Riemelt ("Heiter bis Wolkig", "Die Welle", "Napola", "Der rote Kakadu") und Katharina Schüttler ("Schutzengel", "Oh Boy!") haben jedoch das Mitleid des Zuschauers auf ihrer Seite. Katharina Schüttler spielt im späteren Verlauf des Films ihren Charakter so zerbrechlich, dass man sie am liebsten in den Arm nehmen möchte. Toll gespielt! Und Mitleid bei Max Riemelt, da er durch seine Liebe zu Marc in Ungewissheit lebt und er nach seinem Outing die Hölle auf Erden erlebt. Der aufstrebende deutsche Kinostar spielt überaus überzeugend, sehr sympathisch und zeigt wirklich alles. Hier wird nicht hollywood-like weggeblendet. Eine Liebesszene ist eine Liebesszene und genau das macht das Drama zu einem echten Film!

    Die Geschichte ist nicht frei von Klischees, das stört aber nur in den seltensten Fällen. Es ist einfach spannend eine Geschichte zu sehen, wie sie auch im wirklichen Leben passieren könnte - mit allerlei Wendungen und fernab von Hollywood-Weisheiten, wie das Leben laufen könnte. Auch die Tatsache, dass die Geschichte im Polizeidienst angesiedelt ist, sieht man nicht alle Tage. Homosexualität bei der Polizei - obwohl wir inzwischen im aufgeklärten 21. Jahrhuntert leben ist es weiterhin ein no go! Es ist leider traurige Realität, dass Homosexuelle sich verstecken, Angst vor negativen Reaktionen haben - besonders in dieser Berufsgruppe. Das war für Regisseur Stephan Lacant ein Grund, den Film in dieser Berufsgruppe anzusiedeln. Dabei gibt es seit einigen Jahren den Verband lesbischer & schwuler Polizeibediensteter in Deutschland, der sich als Mitarbeiternetzwerk für Schwule, Lesben und transidentische Menschen, die in oder mit der Polizei aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in Konflikt geraten. Freier Fall zeigt jedoch eine ganz andere Seite und schildert in vielen Szenen die Intoleranz der Gesellschaft - macht aber trotz oder gerade dank einem
    hohen Maß an Sensibilität alles richtig.

    Fazit

    Freier Fall ist ein äußerst ruhiger und sensibler Film, der dank seiner Hauptdarsteller und interessanter Thematik emotional ergreift.

    8,5/10
    :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :halbstern: :stern2: :stern2:
    Infos
    Originaltitel:
    Freier fall
    Land:
    Deutschland
    Jahr:
    2013
    Studio/Verleih:
    Edition Salzgeber
    Regie:
    Stephan Lacant
    Produzent(en):
    Daniel Reich, Christoph Holthof
    Drehbuch:
    Stephan Lacant, Karsten Dahlem
    Kamera:
    Sten Mende
    Musik:
    Dürbeck & Dohmen
    Genre:
    Drama
    Darsteller:
    Hanno Koffler, Max Riemelt, Katharina Schüttler, Oliver Bröcker, Stephanie Schönfeld, Britta Hammelstein, Shenja Lacher, Maren Kroymann, Luis Lamprecht, Vilmar Bieri
    Inhalt:
    Karriereaussichten bei der Bereitschaftspolizei, Nachwuchs unterwegs, die Doppelhaushälfte von den Eltern vorfinanziert: Marcs Leben ist gut eingerichtet. Doch dann lernt er bei einer Fortbildung den Kollegen Kay kennen. Der bringt ihm beim gemeinsamen Lauftraining ein neues Gefühl von Leichtigkeit bei – und wie es ist, Gefühle für einen Mann zu entwickeln.

    Hin- und hergerissen zwischen der ihm vertrauten Welt und dem Rausch der neuen Erfahrung gerät ihm sein Leben zusehends außer Kontrolle. Im freien Fall kann Marc es niemandem mehr recht machen. Am wenigsten sich selbst.
    Start (DE):
    23.05.2013
    Laufzeit:
    100
    FSK:
    ab 12 Jahren

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