The Neon Demon

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  • Einleitung


    Nicolas Winding Refn meldet sich mit The Neon Demon zurück. Die am meisten gestellte Frage bei dem neusten Streich des Dänen ist sicherlich, ob der Film eher mit „Drive“ oder mit „Only God Forgives“ zu vergleichen ist. Während „Drive“ viele Zuschauer überzeugen konnte, wurde bei „Only God Forgives“ hingegen oft bemängelt, dass hier zu wenig Handlung vorhanden sei, während dafür mehr Augenmerk auf Kameraeinstellungen, Farbkompositionen und Ästhetik gelegt wurde. Viele Arthouse-Fans mit künstlerischem Anspruch bevorzugten „Only God Forgives“ daher aufgrund seiner visuellen Kraft. Doch wie sieht es also mit The Neon Demon aus? Soviel sei vorab verraten: Der Film bewegt sich irgendwo dazwischen und die richtige Dosis macht The Neon Demon zu einem kleinen Meisterwerk.





    Kritik


    Schon die Anfangsszene von The Neon Demon zeigt deutlich, dass den Zuschauer erneut ein audiovisueller Orgasmus erwartet, und dass Refns Kamerafrau Natasha Braier ganz genau weiß, wo der Zoom-In- und der Zoom-Out-Knopf der Kamera zu finden ist. Der Zuschauer bekommt absolut stylishe, aber sterile, minimalistische und kalte Bilder mit intensiver Wirkung präsentiert, untermalt wird die Sequenz durch die betörend-bedrohlichen, aber dennoch coolen Beats von Cliff Martinez' Score, der schon bei „Drive“ und „Only God Forgives“ bewies, dass er Refns Bilder akustisch zu ergänzen weiß. Doch bevor der Zuschauer nun meint, ein ziemliches langes, stylishes Musikvideo zu sehen, setzt dann doch schon eine Handlung ein.

    Der Plot ist jedoch nicht allzu komplex und damit schnell erzählt, während sich die Metaebene erst durch Refns Visualisierung im Laufe des Films dem Zuschauer offenbart: Die 16-jährige Jesse (Elle Fanning) möchte in Los Angeles eine Modelkarriere starten. Nachdem sie sich ein Zimmer im Motel des dubiosen Hank (Keanu Reeves) gemietet hat, wird sie schnell unter Vertrag genommen. Bei ihren Shootings freundet sie sich mit der Visagistin Ruby (Jena Malone) an, deren Modelfreunde Jesse schnell um ihre Schönheit beneiden. Jesse findet sich schnell in einem verhängnisvollen Netz aus Neid und Begierde wieder...

    Die Besetzung der Jesse durch Elle Fanning erweist sich als Glücksgriff für Refn: Fanning schafft es, sich optisch durch ihre natürliche Schönheit und Ausstrahlung von den anderen Model-Schauspielerinnen Abbey Lee und Bella Heathcote abzugrenzen. Doch auch die Darstellung des zu Beginn des Films noch etwas naiven und unschuldigen Mädchens gelingt der Schauspielerin eindrucksvoll.
    Ansonsten ist vor allem Jena Malone hervorzuheben, deren sympathisch, aber dennoch undurchsichtig wirkende Ruby durch Malones Spiel Substanz erhält. Insbesondere die wohl umstrittenste Szene des Films, in der Homosexualität mit Nekrophilie vereint wird, entfaltet seine volle Wirkung vor allem durch Malones beeindruckender Leistung.
    Und auch wenn Keanu Reeves relativ wenig Screentime erhält, so merkt man es ihm an, dass es ihm Spaß macht, das dubiose, unsympathische Arschloch zu spielen. Dies macht er nämlich ziemlich überzeugend.

    Der eigentliche Star des Films ist aber seine Inszenierung. Refn schafft es, dass der Zuschauer seit derersten Szene darauf wartet, dass etwas Schreckliches passiert. Der dänische Regisseur kreiert durch seine kalten und sterilen Bilder in perfekter Symbiose mit der Musik von Martinez eine großartige und groteske Atmosphäre, die den Zuschauer erahnen lässt, dass eben nicht alles in Ordnung ist und die Bedrohung an jeder Ecke lauert. Der Horror ist schon da, aber er offenbart sich erst zum Ende des Films wahrhaftig, nachdem der Schein der schönen Glitzerwelt dann noch noch weichen muss. Dann gibt es auch wieder dosierte, aber präzise und schonungslos inszenierte Gewalt, auch wenn die Quantität der Gewalt im Gegensatz zu Refns anderen Filmen etwas heruntergeschraubt wurde. Dafür aber präsentiert sich während des ganzen Films eine gewisse Morbidität, die auch ohne direkte Gewalt auskommt. Aber es bleibt stets ästhetisch anspruchsvoll. Inhaltlich geht es ja auch um Ästhetik, und wie einer von Refns Figuren im Film so schon sagt: „Beauty isn't everything. It's the only thing“. Und das spiegelt sich in jedem Bild wider. So kommt es auch, dass das Setting stets künstlich, sauber, steril und gestylt wirkt, während Jesses Motel, das nichts mit der Modelwelt zu tun hat, mit seinem herunterkommenden Aussehen schon eher das Gegenteil ausdrückt. Dort ist nichts künstlich; selbst ein besonderer Gast weist auf die Natur hin, die Jesse ihre Schönheit und Ausstrahlung verleiht, bis sie sich selbst immer mehr in die Klauen der künstlich-sterilen Modelwelt begibt.

    Mit Referenzen hat Refn auch wieder nicht gespart: Atmosphärisch und auch thematisch erinnert The Neon Demon vor allem an David Lynchs „Mullholland Drive“ (wo sich Jesse im Film übrigens auch mal aufhält), optisch bedient sich der dänische Regisseur insbesondere hinsichtlich seiner Kameraeinstellungen (erneut) an Stanley Kubrick, wobei vor allem „The Shining“ hier zu nennen wäre. Dario Argentos Film „Suspiria“ von 1977 hat definitiv ebenfalls Fingerabdrücke hinterlassen, dazu gibt es auch noch ein bisschen eines Klassikers von Hitchcock.



    Doch damit nicht genug, denn es geht auch bei einzelnen Bildern und Motiven symbolschwanger weiter, indem es unter anderem Referenzen zu Elisabeth Báthory und dem Mythos des Narziss gibt und in nahezu jeder Szene die Farbe Violett auftaucht. Selbst zum Ende hin geht es nicht um irgendein Körperteil, sondern um ein Auge, denn mit dem Auge wird Schönheit wahrgenommen. Wer jetzt erwartet, dass sich Refn lediglich woanders bedient und Referenzen aneinanderreiht, der irrt, denn Refn schafft es, dennoch etwas eigenes auf die Beine zu stellen. Er präsentiert sein Bild der Glitzermodelwelt, indem er sich dieser Symbole bedient. Mit jedem weiteren Bild, mit jeder weiteren Referenz nähert man sich der unausweichlichen Katastrophe und Refns Botschaft immer mehr. Der Däne weiß genau, was er tut, wenn er dieses oder jenes Objekt in den Fokus seiner Kamera rückt, alles ist aufeinander abgestimmt und nichts dem Zufall überlassen.

    Man sollte allerdings nicht den Anspruch haben, dass jedes Bild dechiffriert werden kann. Es gibt dann doch einige Momente, wo einem die Frage im Kopf rumspukt: „Was zum Henker...?“

    Abzüge gibt es für die zu schnelle Charakterentwicklung von Jesse, wenn sie sich hier ihrer Macht aufgrund ihrer Schönheit bewusst wird. Zwar visualisiert eine weitere symbolschwangere Szene Jesses Wandel, doch zu schnell geht dies von Statten. Gar nicht nachvollziehbar ist hingegen, wieso sich Jesse aufgrund diverser Zwischenfälle kein anderes Motel sucht. Dies dient der nachfolgenden Fortführung der Story ungemein, aber nachvollziehbar ist es dennoch nicht.



    Fazit


    Nicolas Winding Refn gelingt mit The Neon Demon ein visuelles Meisterwerk fürs Auge. Kamera, Timing, Schnitt und musikalische Untermalung sind perfekt aufeinander abgestimmt. Der Film bleibt jedoch schwer verdaulich, doch wer sich auf die symbolische Bildsprache einlassen kann, um die Metaebene verstehen und damit Refns Aussage erfassen zu können, wird hier ein intensives Erlebnis mit vielen cineastischen Vorzügen geboten bekommen. Wohlbefinden wird sich bei diesem surrealistisch-grotesken Albtraum jedoch nicht einstellen, aber wegschauen kann man auch nicht, denn es ist einfach zu schön anzusehen.

    9/10
    :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern2:
    Infos
    Originaltitel:
    The Neon Demon
    Land:
    USA, Dänemark, Frankreich
    Jahr:
    2016
    Studio/Verleih:
    Amazon Studios, Broad Green Pictures, Scanbox Entertainment, The Jokers / Koch Media
    Regie:
    Nicolas Winding Refn
    Produzent(en):
    Lene Børglum, Nicolas Winding Refn
    Drehbuch:
    Nicolas Winding Refn, Polly Stenham, Mary Laws
    Kamera:
    Natasha Braier
    Musik:
    Cliff Martinez
    Genre:
    Thriller, Horror
    Darsteller:
    Elle Fanning, Karl Glusman, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee, Christina Hendricks, Keanu Reeves, Christina Hendricks, Desmond Harrington

    Inhalt:
    Die 16-jährige Jesse (Elle Fanning) möchte in Los Angeles eine Modelkarriere starten. Nachdem sie sich ein Zimmer im Motel des dubiosen Hank (Keanu Reeves) gemietet hat, wird sie schnell unter Vertrag genommen. Bei ihren Shootings freundet sie sich mit der Visagistin Ruby (Jena Malone) an, deren Modelfreunde Jesse schnell um ihre Schönheit beneiden. Jesse findet sich schnell in einem verhängnisvollen Netz aus Neid und Begierde wieder...
    Start (DE):
    23. Juni 2016
    Start (USA):
    24. Juni 2016
    Laufzeit:
    117 Minuten
    FSK:
    noch nicht geprüft
    Links
    Webseite:
    http://theneondemon.com/
    deutsche Webseite:
    https://www.facebook.com/TheNeonDemon.derFilm

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