Crank: Spinner, Sonderling, Miesepeter. Weitere Bedeutung: Kurbelwelle. to crank: ankurbeln, durchdrehen.
2006 kam ein Film in die Kinos, den vorher eigentlich keiner so richtig erwartet und noch weniger ernst genommen hat. Das Spielfilmdebüt der Regisseure Mark Neveldine und Brian Taylor war zwar nicht unbedingt der größte Hit an den Kinokassen, konnte jedoch auf Grund seiner unkonventionellen Inszenierung, toller Ideen, einem absolut passenden Hauptdarsteller sowie einiger anderen Faktoren viele Fans auf der ganzen Welt für sich begeistern. "Crank" wurde zum Kultfilm, zu dem eine Fortsetzung schon alleine wegen des Endes lange als abwegig galt.
Abwegig, aber nicht unmöglich - wie so oft in Hollywood. Schon nach dem Ende des Originals kamen erste Diskussionen auf, ob der Protagonist Chev Chelios seinen Aufprall nicht etwa doch überlebt haben könnte. Auch diese Theorie wurde lange belächelt - bis die beiden Regisseure bekannt gaben, dass Hauptdarsteller Jason Statham ("Transporter 1-3") tatsächlich in die Rolle des Adrenalin-getriebenen Chev Chelios zurückkehren solle. Selbstredend, dass ich als großer Fan des Originals die Pressevorführung des Sequels nicht verpassen durfte. Die irrwitzige Idee, man könne ihn ja vom Boden kratzen und wiederbeleben, war kein Witz der Filmemacher: gleich nach dem kultigen Videospiel-Intro ist der Zuschauer bei Crank 2: High Voltage mitten im Geschehen. Der direkt an das Ende des ersten Teils anknüpfende Film zeigt am Anfang, wie der totgeglaubte Chelios von einer Gruppe Gangster vom Boden gekratzt wird - und das ist zu 100 % wörtlich zu nehmen! Wie schon im Vorgänger ist man auch hier direkt mitten im Geschehen. Es wird keine bzw. kaum Zeit für großartige Erklärungen eingeräumt, sondern stattdessen direkt geklotzt!
Der ehemalige Auftragskiller erwacht in einem eher fragwürdigen medizinischen Ambiente und muss sich noch auf dem OP-Tisch liegend gleich gegen zwei sonderbare "Ärzte" wehren, die nicht nur sein Herz gegen ein batteriebetriebenes künstliches ausgetauscht haben, sondern nun auch noch sein Gemächt als Spender-Organ verwenden wollen. Klarer Fall, dass Chelios hier gleich zeigt, wer so richtig "Crank" ist! Es entbrennt eine weitere Highspeed-Fahrt, in der der Protagonist wieder über die Grenzen des Menschlichen hinaus geführt wird, natürlich wieder entgegen jeglicher Logik und Realität.Mark Neveldine und Brian Taylor haben sich sehr bemüht, die Originalität sowie den Witz des Vorgängers wieder einzufangen und ein Sequel abzuliefern, das die Zuschauer erneut wieder in den Bann ziehen kann. Dies gelingt leider nicht ganz; Crank 2: High Voltage ist wie erwartet nicht so genial wie das Original.
Woran liegt das? Das Regie-Team ist das gleiche und macht handwerklich erneut gute Arbeit. Ein entscheidender Faktor des Vorgängers, bei dem Chelios Zustand auch optisch für den Zuschauer sichtbar wurde, fehlt hier. Das nimmt dem Film leider in bisschen Fahrt, ebenso wie der Score, der sich nicht mit dem genialen Genre-Mix des Erstlings messen kann. Jason Statham verkörpert den Highspeed-Junkie Chelios erneut glaubhaft und witzig, hier ist kein Qualitäts-Abfall zu bemerken. Der Mann ist sich nicht nur für nichts zu schade, sondern auch noch in der seltsamsten Situation einfach so cool wie ein Eisblock in der Arktis. Seine Freundin, erneut verkörpert von der süßen Amy Smart, hat charakterlich eine ziemliche Wandlung erlebt. Ist sie im ersten Teil noch das süße, aber dumme Mauerblümchen, wird sie in der Fortsetzung zur Schläge-verteilenden Stripperin. Im ersten Film gefiel mir der komisch-angelegte Charakter besser, ihre Darbietung ist in beiden Filmen jedoch gleich gut.
Überhaupt bietet der Cast kaum Anlass zur Besorgnis: Ling Bai überzeugt als durchgeknalltes China-Chick, Efren Ramirez spielt Chelios Sidekick, bei dem es sich diesmal um den Bruder von Kaylo aus Teil 1 handelt, der übrigens ebenfalls von ihm gespielt wurde. Gewohnt lässig cool: Dwight Yoakam als der "Doc am Handy". Apropos Handy: natürlich wurde auch der kultige Klingelton, den mittlerweile das gefühlte halbe Deutschland zu haben scheint, erneut eingebaut. Witzige Kurzauftritte haben auch Linkin-Park-Frontmann Chester Bennington und "Kill Bill" Star David Carradine.
Warum also zündet Crank 2: High Voltage nicht so wie sein überaus witziger und innovativer Vorgänger? Neben den bereits genannten Punkten liegt mein Hauptkriterium in der Zaghaftigkeit bzw. Mutlosigkeit, mit der man den Film angegangen ist. Es gibt zwar durchaus einige witzige Ideen wie z.B. den Kampf am E-Werk, der mir wirklich gefallen hat und von dem ich auch nichts verraten möchte. Ärgerlich ist jedoch, dass man sich in manchen Punkten etwas zu sehr auf die Stärken des Vorgängers verlassen hat. Sei es bei Chelios "Lauf-Flash" nach einer "Überdosis", sei es der Sex im Freien vor Hunderten von Menschen. Auch das Finale mit der riesigen Schießerei ähnelt dem des Erstlings. Alles witzige Stellen mit hohem Unterhaltungsfaktor, jedoch in der Machart leider zu uneigenständig.Letztendlich ist Crank 2: High Voltage nicht viel mehr, als eine Variation seines eigenen Vorgängers mit nur wenigen eigenen, neuen Ideen. Misslungen ist der Film dennoch nicht - auch das Sequel bietet abgedrehte, witzige, teilweise auch etwas brutale Action-Unterhaltung der etwas anderen Art. Dass der Streifen das Tempo nicht so gut halten kann und zwischendurch etwas an Fahrt verliert, ist zu verkraften.
Obwohl der 2006er "Crank" mindestens eine, vielleicht sogar zwei Klassen besser ist, kann die Fortsetzung dennoch mit Einschränkungen empfohlen werden. Freunde des realistischen Action-Films sollten einen Bogen um diesen Highspeed-Knaller machen, Trash-Fans können auf alle Fälle zugreifen.



