General Aladeen, Machthaber von Wadiya, will um jeden Preis verhindern, dass sein gelobtes und von ihm mit großer Hingabe unterjochtes Land im Chaos der Demokratie versinkt. Um sein nukleares Atomprogramm vor der UN zu rechtfertigen, reist der Diktator höchstselbst, samt seiner sexy weiblichen Leibgarde und seinem Lamborghini-Fuhrpark, in die Höhle des Löwen: den USA, die Geburtsstätte von AIDS. Doch kurz vor seiner großen Rede vor dem Sicherheitsrat fällt Aladeen einer Verschwörung in den eigenen Reihen zum Opfer: Tamir, sein Onkel und engster Berater, lässt ihn in einer Nacht-und Nebelaktion entführen und durch einen Doppelgänger ersetzen. Aladeen kann dem Entführer entkommen, doch für eine Rückkehr in sein altes Leben ist es bereits zu spät. Mittel- und obdachlos schmiedet der Ex-Diktator aber bereits einen neuen perfiden Plan, der ihn zurück auf den Herrscher-Thron, der Macht und Tyrannei bedeutet, hieven soll.
Sechs Jahre ist es her, als sich Sasha Baron Cohen mit der bitterbösen Mockumentary „Borat“ einen Namen in der ganzen Welt machte. Sein Image ist ihm heilig, denn trotz seines Bemühens, in ernsthaften Hollywood-Produktionen unter den Fittichen etablierter Regisseure (unter Tim Burton in „Sweeney Todd“ und Martin Scorsese in „Hugo Cabret“) Fuß zu fassen, kehrt der Komiker in zyklischer Regelmäßigkeit zu seinen Wurzeln zurück: Nach „Brüno“ (2009) folgt nun Der Diktator, ein nicht minder schwarzhumoriger Beitrag über die gesellschaftlichen Mißstände unserer Welt – mit einem feinen Unterschied: Während die Alter Egos Borat und Brüno auf die reale Welt losgelassen wurden und echte, unwissende Menschen in peinliche Verlegenheit brachten oder gar finstere soziale Wertvorstellungen entlarvten, ist in Cohens neuem Film, bei dem Larry Charles erneut auf dem Regiestuhl saß, alles nur gestellt. Die Gags sind entsprechend konstruierter, die Reaktionen der Menschen berechenbarer. Die Schwachstellen hat Cohen offenbar ausgelotet, der Plot ist erkennbar elaborierter und der Cast prominenter als in den bisherigen Fake-Dokus. Die Story steht aber nach wie vor weit hinter den Gags zurück und wirkt wie Ballast, der nötig ist, um sich von einem Gag zum anderen zu hangeln. Für den Cast hat sich Baron Cohen einige Genre-erprobte Schwergewichte ins Boot geholt: Ben Kingsley spielt seinen engsten Vertrauten Tamir, Anna Faris („Scary Movie“) spielt Aladeens Love-Interest - die behaarte Ökotusse Zoey, die der General als „Hairy Potter“ liebkost. In kleineren Gastrollen treten Megan Fox (mit einem witzigen selbstironischen Stelldichein) und John C. Reilly auf. Besonders witzig: der dreisekündige Überraschungsauftritt eines Hollywood-Superstars (A-Class!) als Edelprostituierte(r) für einen chinesischen Delegierten. Kingsley und Faris bleiben im weiten Schatten, den Cohen vorauswirft, allerdings relativ blass und farblos.
Als politische Satire für den kultivierten Politologen, der in seinem Debattierclub bei Pfefferminztee und Keksen über die Lage der Welt philosophiert, taugt Cohens bisweilen pubertärer Filmbeitrag sicher nicht. Zwar ist der Anteil genitalen und analen Humors im Vergleich mit „Borat“ viel geringer, aber der Kelch der Subtilität geht auch an Der Diktator vorüber. Die Witze sind vulgär und obszön wie eh und je. Cohen bricht mit allen erdenklichen Tabus, dabei stehen diesmal nicht nur die Amerikaner im Fadenkreuz, sondern gleich die halbe Welt: Ob schwule Chinesen, die Hollywood-Superstars für Sex bezahlen, oder der makabere Umgang mit israelischer Leidensgeschichte (Aladeen spielt ein Mini-Game auf der Nintendo Wii, bei dem das Attentat von den Olympischen Spielen in München nachgestellt wird), oder empfindliche Seitenhiebe gegen Kim Jong Il, dem der Film gewidmet ist (wahrscheinlich hatte Aladeen ein schlechtes Gewissen, weil er dessen Asche bei den Oscars versehentlich über einen Reporter verschüttet hatte), Dick Cheney und Konsorten – Sasha Baron Cohen ist wieder sehr, sehr böse und wird dafür gewiss heftige Kontroversen und Vorführverbote ernten.
Die Gagdichte in den ca. 80 Minuten Spieldauer ist wahnsinnig hoch, doch längst nicht jeder Witz zündet. Speziell die Gross-Out-Szenen, in denen schamlos Genitalien und weibliche Achselhaare vorgeführt werden, wirken mittlerweile nur noch platt, infantil und beleidigend auf den Verstand des erwachsenen Zuschauers. Ein paar echte Brüller gibt es aber zum Glück auch, leider wurden aber einige der besten Szenen schon in den Trailern verbraten. Obwohl sich der Film natürlich überhaupt nicht ernst nimmt und eine gewisse Narrenfreiheit herausnimmt, ist Der Diktator doch mehr als nur ein Gross-Out-Film, der die niederen Instinkte bedienen will. Baron Cohen hält mal wieder der Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht, selbstverständlich nicht mit der minutiösen Hingabe, der Genialität und dem metaphorischen Ausdrucksvermögen eines Charlie Chaplin in „Der große Diktator“, der sich im Angesicht dieses haarsträubenden Vergleiches im Grabe drehen würde. Nein, Baron Cohen macht die Makel seines Despoten so offensichtlich, dass selbst der dümmste Bauer dahinter steigt. Das infantile Gebaren des Diktators, die steinzeitlichen Wertvorstellungen, Homophobie, Sexismus und Antisemitismus werden dem Zuschauer förmlich unter die Nase gerieben.
Cohen schlachtet die Klischees rigoros aus. Viel Fantasie war dafür wahrscheinlich gar nicht nötig, die Diktatoren und Hierarchen dieser Welt machen es ihm zugegeben sehr einfach. Man denke nur an den bizarren Herrn Gaddafi mit seiner Leibgarde aus jungfräulichen Soldatinnen im Tarnanzug, oder Ahmadinedschad und dessen irrsinnigen Drohgebärden gegen Israel und die westliche Zivilisation. Anders als bei Baron Cohens anderen Alter Egos erhält man hier nicht den Eindruck, dass sein überzeichnetes Abbild eines Diktators so weit weg ist von der Realität. Wenn man ein wenig hinter die witzigen ironisch-überzeichneten Figuren blickt und nachgrübelt, ist das eigentlich eine erschreckende Erkenntnis.Fazit:
Der Diktator ist eine konsequente Fortführung Sasha Baron Cohens komödiantischen Schaffens. Wer damit bisher nichts anfangen konnte, der sollte um den Film lieber einen weiten Bogen machen. Alle anderen werden ihre Freude haben und bekommen eine witzige, simple Polit-Satire serviert, die an „Borat“ aber bei weitem nicht heranreicht.



