Oldboy

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  • Einleitung


    Nach dem eindrucksvollen, allerdings kommerziell schwachen Einstieg in Park Chan-wooks Rache-Trilogie mit Sympathy for Mr. Vengeance, war für den Regisseur über die Qualität hinaus auch ein finanzieller Erfolg für Oldboy wichtig, um seinen Stand als angesehener Regisseur zu festigen. Als Vorlage diente der gleichnamigen Manga Old Boy von Garon Tsuchiya und Nobuaki Minegishi. Allerdings wurden nur einige Hauptelemente übernommen.

    In Parks bisher bekanntestem Werk wird ohne erkennbaren Grund der Geschäftsmann Oh Dae-su für 15 Jahre in eine fensterlose Einzimmerwohnung gesperrt. Ebenso plötzlich, wie er eingeschlossen wurde, wird er freigelassen und hat nun fünf Tage Zeit Antworten zu finden und für seine langersehnte Rache. Doch sein Leid ist noch nicht überstanden.


    © 2017 Capelight Pictures

    Kritik


    Bereits der Einstieg in den Film ist eine Wucht. Park beginnt mitten im Geschehen und bannt den Zuschauer mit einem starken Bild an die Geschichte. Neugierig verfolgt man im weiteren Verlauf, wie die Hauptfigur Oh Dae-su an diesen Punkt gekommen ist. Trotz des zu Beginn unliebsamen Charakters, empfindet man mehr und mehr Mitleid mit Dae-su durch die Tortur, die er durchleben muss. Choi Min-sik verkörpert Dae-su dabei mit so einer Hingabe und Energie, dass man sprachlos ist. Er durchlebt in seiner Zelle Schmerz, Wahnsinn, Trauer und Verzweiflung. Stets begleitet von Chung Chung-hoons fantastischen Bildkompositionen und einfallsreichen Kameraeinstellungen entsteht bereits zu Beginn ein unheilvoller Sog. Doch so abgründig die Geschichte, die folgenden Geschehnisse auch sind, niemals verfällt Parks Erzählung einer depressiven Stimmung. Der wunderschöne Soundtrack, der genial absurde Humor des Regisseurs und die faszinierenden Bilder lockern das Geschehen immer wieder angenehm auf, ohne dabei dessen Brisanz zu schmälern.

    Die Gewalteruptionen werden durch kontrastreiche Elemente oft erträglich gemacht. So verläuft sich die Gewalt nie im Selbstzweck, sondern dient stets der Handlung und der Intensität dieser. So bekommt beispielsweise die äußerst eindringliche Zahnzieh-Sequenz durch Vivaldis Vier Jahreszeiten, ein comichaftes Startbild und ein aus dem Mund blutender untertitelter Bösewicht eine schon fast komische Note. Dagegen steht im Showdown eine durch Mark und Bein fahrende Eskalation des Konflikts, dass man kaum hinschauen kann. Auch wenn Dae-su unglaubliches Leid erfahren muss, so bleibt der Antagonist Lee Woo-jin alles andere als einfach nur herzlos. Yoo Ji-tae verleiht seiner Figur Tiefe und vor allem Verletzlichkeit. Am Ende steht kein abgrundtief böser Mensch, sondern ein zutiefst verletzter Mann, dem es ebenso nach Rache dürstet, wie seinem Gegenspieler Dae-su. Allerdings geht ihm nicht Wut als treibende Kraft voraus, sondern Schmerz, was ihn für einen Bösewicht unglaublich greifbar macht. Durch seine nachfühlbare Motivation, seine höflichen und liebevollen Umgangsformen und der feinfühligen Darstellung Yoos wächst Wo-jin zu einem der vielschichtigsten, sympathischsten und gleichzeitig bedrohlichsten Bösewichte der Filmgeschichte, da ihn immer etwas Ungewisses umgibt. Generell ist es ein Genuss zu sehen, wenn die beiden Gegenspieler Choi und Yoo aufeinander treffen. Auf der einen Seite steht der brachiale, wie eine Naturgewalt aufspielende Choi Min-sik und ihm gegenüber der stets reservierte und einfühlsame Yoo Ji-tae. Dadurch entsteht in jeder Sequenz eine fühlbare Spannung, die einen voll und ganz ergreift.

    Aber auch die bis dahin noch recht unbekannte Kang Hye-jung steuert einen elementaren Beitrag als Mi-do zur Atmosphäre bei. Als die einzige noch nicht vom Leben geprägte, unschuldige Figur, verleiht sie dem Ensemble die nötige Wärme und positive Energie. Dabei füllt Kang den Charakter mit ihrer naiven Art vollkommen aus, sodass es ein Genuss ist ihr zuzuschauen.


    © 2017 Capelight Pictures

    Der Soundtrack von Jo Yeong-wook bedient sich in seinen schönsten Momenten dem Rhythmus des Walzers und erzeugt so ein lebhaftes wie berührendes Gefühl. Wenn die Spannung gesteigert wird, kombiniert Jo gekonnt elektronische Sounds mit klassischen Instrumenten, wodurch die Konzentration auf einem hohen Level fixiert wird. Die Wiederholung einiger Themen erinnern an klassische Filme, wo wichtigen Figuren eigene, sich wiederholende Musikthemen zugeschrieben wurden, was heutzutage leider nur noch sehr selten gemacht wird. So haben die drei Hauptfiguren auch bei Oldboy jeweils ihr eigenes Thema, was die Szenen gleich in eine bestimmte Richtung lenkt. So unterstreicht zum Beispiel das Thema von Woo-jin seine tief verletzte Figur und erzeugt eine Art von Mitgefühl. Dae-sus Thema ist dynamisch und verleiht seinem Durst nach Rache den nötigen Nachdruck. Mi-dos gefühlvolles Thema versprüht stets eine Art von Leichtigkeit, die auch Kern ihrer Figur ist.

    Die sich wiederholenden Melodien erreichen ihren Höhepunkt, wenn sie in die tatsächliche Handlung des Films integriert werden. So ertönt Woo-jins Thema als Klingelton, oder er summt seine Melodie vor sich hin. Dieser Bruch zwischen filmischer Realität und inszenatorischem Stilmittel hebt das Werk auf eine neue Ebene.

    Doch auch optisch gibt es wiederkehrende Elemente. Sobald sich etwas Schlimmes für die Hauptfiguren anbahnt, tauchen zum Beispiel die immer selben violetten Muster auf. Ob auf einem Tuch, einem Regenschirm oder einem Paket. Die violetten eckigen Muster prophezeien stets den nächsten unheilvollen Schritt Woo-jins. All diese wieder aufgegriffenen Charakteristika steigern den Spass beim Schauen ungemein – besonders beim mehrmaligen Sehen.


    © 2017 Capelight Pictures

    Generell dekoriert Regisseur Park das Werk gegenüber der Vorlage oft mit faszinierenden philosophischen Elementen. Oh Dae-sus nachdenkliche Off-Texte verleihen gerade dem Aufenthalt in der Zelle eine starke Wirkung und halten den Zuschauer stets im Geschehen. Aber auch im weiteren Verlauf sind es gerade seine Gedanken, die einen selbst reflektieren lassen. Aber auch die Geschichte in eigener Gestalt verliert sich nie in oberflächlichen Rachegelüsten. Dafür ist die Story viel zu geschickt konstruiert, regt zum Nachdenken an und lässt den Zuschauer zu sehr im Ungewissen. Man begleitet nicht nur die Hauptfigur auf seinem Weg zur Rache, sondern viel mehr auf der Suche nach Antworten und vor allem nach Erlösung. Ob die ersehnte Rache beides bieten kann, bleibt bis zum Ende offen. Und selbst beim finalen Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten ergibt sich eine neue elementare Frage, die das bisher Gesehene auf den Kopf stellt. Und Dae-su, aber auch den Zuschauer, vor seine größte Pein stellt.

    Fazit


    Mit Oldboy ist Regisseur Park Chan-wook ein inszenatorisch überwältigendes Werk geglückt. Optisch beeindruckend, inhaltlich intelligent und mitreißend erzählt, darstellerisch ergreifend, musikalisch bewegend zählt dieses Opus zu den beeindruckendsten der Filmgeschichte.



    10/10
    :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern:
    Infos
    Originaltitel:
    올드보이 (Oldeuboi) / Oldboy
    Land:
    Südkorea
    Jahr:
    2003
    Studio/Verleih:
    Capelight Pictures
    Regie:
    Park Chan-wook
    Produzent(en):
    Kim Dong-joo, Syd Lim, Han Jae-duk
    Drehbuch:
    Park Chan-wook, Lim Chun-hyeong, Hwang Jo-yun, Garon Tsuchiya (Manga), Nobuaki Minegishi (Manga)
    Kamera:
    Chung Chung-hoon
    Musik:
    Jo Yeong-wook
    Genre:
    Thriller, Drama
    Darsteller:
    Choi Min-sik, Yu Ji-tae, Kang Hye.jeong
    Inhalt:
    Ohne erkennbaren Grund wird der Geschäftsmann Oh Dae-su (stark: Choi Min-sik) für 15 Jahre in eine fensterlose Einzimmerwohnung gesperrt. Ebenso plötzlich, wie er eingeschlossen wurde, wird er freigelassen und hat nun fünf Tage Zeit Antworten zu finden und für seine langersehnte Rache. Doch sein Leid ist noch nicht überstanden.
    Start (DE):
    02.09.2004
    Start (USA):
    Januar 2005 (Festival) / 21.11.2003 (Südkorea)
    Laufzeit:
    120
    FSK:
    ab 16 Jahren
    Links
    deutsche Webseite:
    http://www.capelight.de/oldboy

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