Übersicht
Einleitung
Spätestens mit seiner Darbietung als Wing Chun-Großmeister Ip Man und der gleichnamigen Quadrologie (ein 5. Teil ist übrigens in Arbeit) hat sich Donnie Yen in der Geschichtsbücher der ganz großen Martial Arts-Stars gespielt. Zwar war er schon Jahre davor bereits ein Actionstar in China, aber mittlerweile kann er fraglos in einem Zug mit Namen wie Jackie Chan, Jet Li oder Bruce Lee genannt werden. Dass die Nachfrage nach dem Kampfsportler auch in Hollywood über die Jahre größer wurde, ist wenig verwunderlich. Zuletzt durfte er sich dort als sympathischer Gegenspieler von Keanu Reeves in "John Wick: Kapitel 4" unter Beweis stellen und bekam daraufhin sogar ein eigenes Spin-off zu seiner Figur bereitgestellt, welches er selbst inszenieren wird. Doch nur, weil er nun mittlerweile auch in Hollywood Erfolge feiert, heißt es nicht, dass er seiner Heimat den Rücken kehrt. Die meisten Projekte setzt er immer noch in China um, wo er als Hauptdarsteller und Regisseur mit The Prosecutor mal wieder eindrucksvoll zeigt, dass er mit über 60 noch immer verdammt gut austeilen kann.
Als frisch gebackener Staatsanwalt hat sich Fok Chi-ho ganz der Gerechtigkeit verschrieben. Doch schon der erste Prozess stellt seine Überzeugungen auf eine harte Probe. Der Kleinkriminelle Ma hat eine Lieferung von einem Kilogramm Kokain erhalten, beteuert aber seine Unschuld. Auf Anraten seiner Anwälte bekennt sich Ma schnell schuldig, doch anstatt einer niedrigen Strafe wird er zu 27 Jahren Gefängnis verurteilt. Fok, der früher ein Cop war, stellt weitere Ermittlungen an – und stößt auf Korruption und die komplexen Netzwerke des organisierten Verbrechens.
Nach dem historischen Kampfkunst-Werk "Sakra" arbeitete Yen hier erneut mit Action-Choreograf Kenji Tanigaki ("City of Darkness") zusammen.

© 2025 Plaion Pictures
Kritik
The Prosecutor versucht Gerichtsdrama mit Martial Arts Action zu verbinden, dabei wird man jedoch das Gefühl nicht so richtig los, dass das Werk eigentlich eher ein Gerichtsdrama sein möchte. Daher wirken die Actionszenen etwas in die Szenerie hineingepresst. Jedoch ist es dabei umso verwunderlicher, dass es am Ende die Parts vor Gericht wie die anwaltliche Recherchearbeit sind, die am wenigsten funktionieren. Denn was man dem Film von und mit Donnie Yen fraglos zu Gute halten muss, sind der fantastischen Actionszenen. Lieferte Yen mit seiner letzten Regiearbeit, dem Martial Arts-Film "Sakra", noch eine inszenatorische (allerdings auch dramaturgische) Enttäuschung ab, offenbart sich bei The Prosecutor reichlich inszenatorische Freude bei den Actionszenen, sodass diese nicht nur abwechslungsreich, sondern angenehm kreativ-verspielt daherkommen. Von einer Schießerei zu Beginn, die plötzlich in die Ego-Shooter-Perspektive wechselt, über dynamische Kamerafahrten ohne Schnittgewitter mit Drohnen während schlagkräftigen Massen-Auseinandersetzungen bis hin zu einem Action-Showdown in einer U-Bahn, die mit mehr Wucht einschlägt, als jeder Superheldenfilm der letzten Jahre. Dabei bedient sich Yen immer wieder an tollen Kameraeinstellungen und weiß dazu noch geschickt mit dem Sounddesign Atmosphäre zu kreieren. Dass in diesen Momenten unweigerlich Erinnerungen an Yens letztes Actionbrett "Raging Fire" vom leider verstobenen Hongkong-Regie-Altmeister Benny Chan wachwerden, das bereits einige der stärksten Actionszenen der letzten Dekade innehat, darf hier als ein riesiges Kompliment gesehen werden. Denn mit The Prosecutor kann Yen nun regietechnisch mit den Actionsequenzen an "Raging Fire" erstklassig anschließen.
Auch wenn dabei die physikalischen Grenzen allzu gerne mal überschritten werden, tut es den Sequenzen keinerlei Abriss – ganz im Gegenteil, es verleiht dem Ganzen meist noch einen zusätzlichen Impact. Allerdings unterstreicht das auf der anderen Seite abermals die Diskrepanz zwischen Martial Arts-Kino und Gerichtsdrama. Denn wenn man im dramatischen Part wieder bodenständig daherkommen möchte, wurde dieser Versuch damit im Grunde schon im Keim erstickt.
Was The Prosecutor jedoch erneut offenlegt, sind die begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten von Regisseur und Hauptdarsteller Donnie Yen. Denn er ist auch einer der Gründe, warum der Drama-Anteil in dem Film nicht so richtig funktionieren möchte. Große Reden oder gar Emotionen liegen dem Martial Arts-Star einfach nicht, sodass man abseits der Actioneinlagen wenig mitgerissen wird. Aber auch dramaturgisch weiß der Film selten zu überzeugen. Der Aufhänger, warum sich Yens Figur als Staatsanwalt so in den Fall investiert, wirkt etwas beliebig und auch bei den Dialogen wie Charakterentwicklungen geht man wenig kreativ und schon gar nicht subtil vor. Somit könnte man den Drama-Teil noch als zweckdienlich bezeichnen, jedoch nimmt er, um lediglich als Brücke zwischen den Actionszenen zu fungieren, einfach viel zu viel Raum ein. Dadurch verliert The Prosecutor immer wieder an Tempo und schleppt sich etwas über die Zeit.

© 2025 Plaion Pictures
Auch wenn sich The Prosecutor zu häufig selbst im Weg steht, ist es alleine wegen der herausragenden Actionszenen lohnenswert, dem Werk eine Chance zu geben. Denn solche Szenen bekommt man leider nur noch allzu selten in der Filmwelt geboten.
Fazit
Auch wenn The Prosecutor in seinen Gerichtsdrama-Phasen ziemlich platt und uninspiriert daherkommt, so hält die Vorfreude auf die nächste Actionszene einen dann doch irgendwie am Ball. Denn wenn es kracht, dann kracht es richtig. Regisseur und Hauptdarsteller Donnie Yen setzt hier mit viel inzenatorischer Freude und viel Geschick die Actionsequenzen wuchtig in Szene, dass es der reinste Genuss ist, sich von diesen mitreißen zu lassen. Wermutstropfen bleibt dennoch das viel zu viel Raum einnehmende Drama drumherum.
6/10
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