Übersicht
Einleitung
2020 veröffentlichte Autorin Maggie O’Farrell mit ihrem Werk „Judith und Hamnet“ ein Werk, in dem sie Fakten über das Leben von William Shakespeares Leben nahm und einige der zugegebenermaßen großen Lücken in seiner Biographie fiktional soweit füllte, bis der wohl berühmteste Autor der Literaturgeschichte eines einer größten Werke uraufführte: Hamlet. Dafür baute sie naheliegend eine Verbindung zum belegten Tod von Shakespeares Sohn Hamnet auf. Nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung des Buches wagte sich nun die oscarprämierte Regisseurin Chloé Zhao ("Nomadland") an den Stoff und versuchte diesen auf die Leinwand zu bringen. Dazu verfasste sie gemeinsam mit Originalautorin O’Farrell ebenfalls das Drehbuch. Das Konzept sowie die Geschichte schienen so überzeugend, dass selbst die Blockbuster-Regisseure Steven Spielberg ("Jurassic Park", "Schindlers Liste") und Sam Mendes ("1917", "Skyfall") als Produzenten an Bord kamen.
Aus Sicht seiner empfindsamen Frau Agnes erlebt man, wie sie sich in William Shakespeare verliebt und die beiden ein gemeinsames Leben planen. Als ihr einziger Sohn Hamnet im Alter von elf Jahren durch die Pest ums Leben kommt, droht ihre grosse Liebe zu ersticken. Mitten in dieser furchtbaren persönlichen Tragödie beginnt Shakespeare in tiefer Verzweiflung und Trauer, „Hamlet“ zu schreiben, eines der grössten Dramen der Literaturgeschichte.
In den Hauptrollen sind Jessie Buckley ("Die Aussprache") als Agnes Shakespeare und Paul Mescal ("Gladiator II") als William Shakespeare zu sehen. In weiteren Rollen treten unter anderem Joe Alwyn ("The Favourite"), Emily Watson ("Die Bücherdiebin") sowie Jacobi Jupe ("Peter Pan & Wendy") auf.

© 2025 Universal Pictures
Kritik
Regisseurin Chloé Zhao ist trotz ihrer naturalistischen Art der Inszenierung auch immer für ihre besondere Bildersprache bekannt. Und das zeigt sich ebenfalls wieder in Hamnet. Sie spielt besonders mit einigen einfachen aber stets wirkungsvollen Motiven aus der Natur, um teilweise die Gefühlswelten - besonders die von Agnes - darzustellen. Dass William Shakespeares Frau hier mit einer ungewöhnlichen Verbindung zur Natur, die teils in dezente übersinnliche Fähigkeiten mündet, dargestellt wird, lässt den Bezug zu Zhaos gewählten Bildern nur noch kraftvoller, gleichzeitig auch schlüssiger erscheinen. So begleitet die Erzählung, ganz passend zu den agierenden Personen, stets eine gewisse poetische Kraft. Max Richters von Streichern dominierter Score untermauert diese wundervolle Wirkung noch zusätzlich. Gerade Zhaos typischer Fokus auf Stimmungen, anstatt sich in einer ausgeklügelten Handlung zu verlieren, kommt hier besonders zu Geltung. Hamnet ist durchzogen von zeitlichen Sprüngen, warum sich manche Figuren verhalten, wie sie sich verhalten, scheint mit reinem Blick auf die Dialoge nicht schlüssig und doch stellt man nichts in Frage. Das liegt dabei nicht nur an dem inszenatorischen Fingerspitzengefühl der gebürtigen Chinesin, das trotz aller Poesie ein emotionale Klarheit offenbart, wie man es in Hollywoodproduktionen nur noch allzu selten erlebt, mit Jessie Buckley und Paul Mescal kann die Regisseurin auf zwei Darsteller vertrauen, die mit einer ebenso deutlichen emotionalen Präzision auftreten. Wenn im zutiefst berührenden Finale, die Figuren auf ihre Katharsis zusteuern, so geschieht dies fast ausschließlich ohne, dass die beiden Darsteller reden. Alleine durch Blicke wird ihr innerlicher Wandel, ihre sich verändernde Gefühlswelt offenbart. Das Duo Buckley/Mescal präsentiert allerdings über den ganzen Film verteilt eine in ins Wanken geratende herausragende Leistung.
Ebenfalls darstellerisch absolut lobenswert sind hier die Kinderdarsteller, deren Darbietungen ebenfalls weit über dem üblichen Durchschnitt angesiedelt sind.
Inhaltlich füllen Zhao und O’Farrell die Lücken in Shakespeares überraschend fragmentarischen Biographie durchweg nachvollziehbar und bauen eine fantastische Brücke zu der Tragödie um den Sohn Hamnet sowie dem Stück Hamlet. Dabei geht es in dem Film allerdings weniger um den Entstehungsprozesses, des weltberühmten Werks, sondern fast ausschließlich um die Ereignisse, die William später dazu veranlassen, dieses Stück, welches Jahrhunderte überdauern soll, zu verfassen. Durch die dargelegten Hintergründe gelingt des dem Autorenteam legendären Zitaten wie der „Sein oder Nichtsein“-Passage oder Hamlets letzten Satz „Der Rest ist Schweigen.“ eine ganz neue Perspektive zu verschaffen und den bereits ach so kraftvollen Texten noch mehr Gewicht zuzuschreiben.
Hamnet ist ein ebenso einfühlsames wie kraftvolles Werk geworden, wie man es nur noch viel zu selten präsentiert bekommt.

© 2025 Universal Pictures
Fazit
Hamnet ist großes Schauspielkino, umgarnt von einer kraftvollen Inszenierung, die es besonders versteht, die bewegenden Zwischentöne einzufangen. Eine emotionale Reise mit etlichen Hochs und Tiefs, man fiebert mit den Figuren mit, man liebt sie, hasst sie und am Ende ist das Gesehene doch nur allzu menschlich. All das mündet in ein Finale, das fraglos zu den berührendsten des Filmjahres zählen wird.
8/10
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