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Outlaws - Die wahre Geschichte der Kelly Gang

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  • Einleitung


    Ned Kelly ist Verbrecher und Volksheld gleichermaßen: So leistete er im 19. Jahrhundert Widerstand gegen die Kolonialbehörden und wird auch oft als australischer Robin Hood bezeichnet. Andererseits leistete er Widerstand gegen die Polizei, tötete Menschen, raubte Bänke aus und stahl Pferde.

    So ist es kaum verwunderlich, dass Ned Kellys Leben schon mehrfach künstlerisch aufbereitet wurde: Sei es als Roman oder als Film. Als letzteres gab es unter anderem "Ned Kelly" (1970) mit Mick Jagger oder "Gesetzlos – Die Geschichte des Ned Kelly" (2003) mit Heath Ledger.

    Auffallend ist, dass insbesondere die romantisierende Komponente des Pferdediebs präsentiert wurde. Einen vollkommen anderen Ansatz wählte indes Justin Kurzel ("Assassin's Creed", "Macbeth" (2015)), der sich mit seiner postmodernen Aufarbeitung nicht nur vom Originaltitel her an Peter Careys Bestseller "True History of the Kelly Gang" orientiert hat.




    Kritik


    In Deutschland heißt der Titel von Careys Buch "Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang", als deutschen Filmtitel wählte man hingegen Outlaws - Die wahre Geschichte der Kelly Gang. Das Kernwort des Titels der Vorlage, nämlich "true" oder "wahr", ist also überall geblieben. Und das ist schon bezeichnend, denn "wahr" ist durchaus Ansichtssache.

    Vor der Titeleinblendung von Outlaws erscheint ein "nothing you're about to see is true", wobei das "true" im Bild stehen bleibt und zu dem Originaltitel, "True History of the Kelly Gang", wird.

    Die Wahrheit ist elementar in Outlaws, allerdings nicht dahingehend, dass man angibt, dieser zu entsprechen, sondern eher in der Hinsicht, dass sie hinterfragt wird. Wer war Ned Kelly wirklich? War er ein Held oder war er ein irrer Mörder?

    Antworten gibt es in Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang nur teilweise. Historisch erwiesene Ereignisse werden sogar einfach weggelassen, aber es ist auch nicht der Anspruch von Regisseur Justin Kurzel, eine umfassende und korrekte Biographie zu zeigen. Vielmehr wird das Bild, das andere Filme oder Romane von Kelly aufgegriffen haben, dekonstruiert. Entspricht Kelly dem heroischen Bild, das stets von ihm präsentiert wird? In Outlaws definitiv nicht.

    Und hierfür war es notwendig, gewisse Überfälle und andere überlieferte Aktionen von Kelly und seiner Gang wegzulassen. Denn das Zurschaustellen dieser hätte die Gefahr geborgen, dass der Zuschauer mit ihm sympathisiert. Als jemand, der mit Ned Kelly noch wenig zu tun hatte, mag der Film daher nur bedingt funktionieren. Als jemand, der sich mit der teils verklärten Darstellung von Kelly bereits auseinandergesetzt hat oder ihr nur ausgesetzt war, wird man mit Outlaws deutlich mehr anfangen können, denn im Kern geht es nicht um Kelly selbst, sondern um seine Darstellung und dessen Kritik.

    Dabei wird Kelly nicht einmal nur als böser Mensch gezeichnet, sondern wird durchaus auf seine Lebensumstände hingewiesen, die ihn zu dem gemacht haben, der er war. Interessanterweise bildet diese Armut eine Realität ab, die Menschen auf die falsche Spur führt, so dass dieses Konzept noch auf heute übertragbar ist. Die Armut wird nicht als etwas aus vergangenen Zeiten gezeigt, sondern wirkt sie nahezu universell und immer noch existent. Insbesondere das Haus von Ned und seiner Familie wirkt zwar durchaus historisch, allerdings wird das Outback im australischen Staat Victoria äußerst dystopisch, denn die Bäume tragen alle kein Laub und es wirkt, als hätte erst vor kurzem hier ein Buschfeuer sein Unwesen getrieben. Doch bessert sich das Setting im Laufe des Films und im Wandel der Jahre kaum. Die Tristesse ist weiterhin spürbar, die Armut immer noch präsent und greifbar.

    Und auch, wenn Kelly einen sozialen Hintergrund spendiert bekommen hat, so verzichtet man weitestgehend auf politische Motive seines Tuns. Aber auch dies ist legitim, denn es geht im wesentlichen darum, dass Kelly ein Pferdedieb und Mörder war, und alles andere Diskussionen zulässt, die ihn heroisieren könnten.

    Ein zentrales Mittel, Kelly etwaiges Heldentum in Outlaws zu nehmen, ist die Reduzierung seiner Männlichkeit. Normalerweise wird Kelly als Inbegriff der Maskulinität begriffen, so ist er unter anderem auch für seinen Vollbart bekannt, aber den gibt es hier nicht. Es war wohl geplant, dass man Hauptdarsteller George MacKay einen wachsen lässt, was jedoch nicht funktionierte, aber ohne Bart passt diese Version des Ned Kelly deutlich besser in den Film. Die Abwesenheit des Bartes ist nur ein Mittel der Dekonstruktion von Ned Kellys Männlichkeit, eine weitere sind viele homoerotische Anspielungen, während man kaum Intimität zwischen Ned und seiner Frau Mary (die historisch nicht überliefert ist) gezeigt bekommt. Hinzu kommt, dass Männlichkeit auch im Film selbst oft angesprochen wird: So zum Beispiel sagt Neds Mutter zu ihm, er solle endlich der Mann sein, der er werden sollte. Auch in anderen Dialogen wird Neds Männlichkeit hinterfragt, nicht selten von seiner Mutter, die aufgrund ihrer Toxizität ohnehin viel zu Neds Entwicklung beiträgt.

    Zudem trägt die Kelly Gang Frauenkleider, was damit begründet wird, dass es die Polizei irritiert und sie daher von Wahnsinn ausgeht, was ihr Angst vor der Bande machen soll. Crossdressing ist aus konventioneller Sicht nicht unbedingt etwas männliches, aber hier wird es tatsächlich auch noch als Vorteil präsentiert. Man kann sich drüber streiten, ob die logische Begründung des Tragens von Frauenkleidern den homoerotischen Ansätzen etwas Luft nimmt, oder ob es für den Zuschauer vielleicht zu abstrakt gewesen wäre, wenn die Kelly Gang einfach aus Spaß an der Freude oder gewissen Neigungen heraus diese Kleider trägt. Dass aber die Abwesenheit der Männlichkeit gerade zu einem taktischen Vorteil führt, rundet die Dekonstruktion der Maskulinität hier ganz gut ab.

    George MacKay ist für dieses Unterfangen mit seinen etwas androgynen Zügen und seiner fragiler wirkenden Erscheinung auch eine ausgesprochen gute Darstellerwahl, ganz davon abgesehen, dass er großartig spielt und manchmal richtig aufdreht. Auch die anderen Darsteller können durch die Bank überzeugen. Und auch wenn wir es hier mit einem australischen Film mit einem australischen Setting zu tun haben, so gibt es nur vereinzelt australische Schauspieler in Outlaws. Alle anderen, an vorderster Front MayKay, haben sich einen australischen Akzent, auch bekannt als "Strine", zugelegt. Auch dies ist eine Abweichung zu den vorherigen Filmen, die die Kellys mit irischem Akzent präsentierten. Da Kelly irischer Herkunft ist, ist dies nicht ganz falsch, allerdings haben Linguisten festgestellt, dass Kelly aufgrund seines Umfelds durchaus auch Strine gesprochen haben könnte, vermutlich mit irischen Anleihen, da seine Herkunft immer noch mitschwingen würde. Demnach ist der Switch zum australischen Englisch nicht so abwegig, aber genauso korrekt wie ein reiner irischer Akzent, während die historischen Tatsachen irgendwo in der Mitte liegen werden. Der australische Akzent gibt Kelly jedoch eine australischere Identität, was bei einem Film, der australische Nationalhelden hinterfragt, durchaus passend ist und diesem mehr Gewichtung verleiht.

    Angesprochen wird in Outlaws allerdings, dass Ned Kelly keinem perfekten Englisch mächtig war. Dies ist durchaus denkbar angesichts seines sozialen Hintergrunds, auf der anderen Seite ist dies aber auch eine Referenz zu Peter Careys gleichnamiger Buchvorlage: Diese wird nämlich aus Kellys Sicht geschrieben, was hier als Framing für den Film genutzt wird: Der Film basiert nämlich – ebenso wie der Roman – auf Kellys fiktiven eigenen Schilderungen der Ereignisse. Carey nutzt für seinen Text jedoch grammatikalisch schlechtes Englisch ohne bzw. mit schlechter Interpunktion. Dies kommt im Film seltener zum Vorschein, denn hier sind die Dialoge durchaus verständlich, was man von Careys Buch weniger sagen kann, ist dies aufgrund der schlechten sprachlichen Qualität anstrengender zu lesen. Kellys Brief an seine Tochter wird aber thematisiert und auch dessen sprachliche Defizite werden direkt benannt ("Die Satzstruktur ist ein Problem"). So hat man es geschafft, den sprachlich schlechten Charakter der Vorlage zu übernehmen, ohne den Film komplett in dessen Stil übertragen zu müssen.

    Obschon man in Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang auf einige wesentliche Elemente wie z.B. Kellys Bart verzichtet hat, so hat man indes sehr wohl auf die Präsentation von Kellys berühmter Rüstung geachtet. Schon früh im Film spielt man hier mit Foreshadowing, indem man eine Blechhütte mit Guckschlitzen zeigt oder auf Panzerschiffe wie die USS Monitor verweist. Es drängt sich schnell die Idee auf, woher der Ned aus Kurzels Film seine Inspiration zu seiner ikonischen Rüstung hat.

    An anderen Stellen hingegen kommen Beweggründe von Ned Kelly deutlich zu kurz. Dies ist, wie bereits geschildert, dem Umstand geschuldet, dass eine Heroisierung und Romantisierung der Figur in Outlaws nicht stattfinden soll; aber so gut die Metaebene in Outlaws funktioniert, so gibt es bei der vordergründigen Story dann doch Defizite. Die Entwicklung von Ned wird zum Teil zu schnell abgearbeitet, während man sich gerade in den ersten zwei Dritteln des Films eigentlich genug Zeit genommen hat. Es ist schon beachtlich, dass die Kelly Gang erst ca. 45 Minuten vor Ende des Films gegründet wurde. Aber wie ebenfalls schon erwähnt, ist dies gar nicht der Anspruch des Films, wie es auch zum Ende zusammengefasst wird: "Finden wir niemand besseren, den wir bewundern können, als einen Mörder und einen Pferdedieb?" Damit ist Outlaws keineswegs ein Film über Ned Kelly, sondern eine kritische Betrachtung auf seine Darstellung und Rezeption. Ned ist hier wahnsinnig, nicht mehr, und nicht weniger, und schon gar kein Held.

    Um dies zu untermauern, wurden auch inszenatorische Mittel gewählt, die keinesfalls eine Romantisierung zulassen, abgesehen von der bereits geschilderten ausgeprägten Dekonstruktion der Männlichkeit: So wird unter anderem mit Stroboskop gearbeitet, und immer wieder fühlt sich der Film eher wie ein Punk-Musik-Video an als ein historisches Portrait. Es wurde verfremdet, es wurde animalisiert, der Zuschauer erhält stets die nötige Distanz. Davon abgesehen ist die Inszenierung auch sonst sehr überzeugend, es gibt einige richtig schöne Bilder.



    Fazit


    Wer einen informativen Film über Ned Kelly sehen möchte, ist bei Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang falsch aufgehoben. Wer aber an einer kritischen Betrachtung seiner Darstellung interessiert ist und am besten noch ein Faible für typisch postmoderne Filme hat, wird mit der Dekonstruktion verschiedender Motive durchaus seine Freude haben. Dennoch geht dies zum Teil zu Lasten der Handlung und der Nachvollzoehbarkeit der Charaktere.



    7/10

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    alle Bilder © 2020 Koch Films
    Infos
    Originaltitel:
    True History of the Kelly Gang
    Land:
    Australien
    Jahr:
    2019
    Studio/Verleih:
    Film4/Koch Films
    Regie:
    Justin Kurzel
    Produzent(en):
    Liz Watts, Hal Vogel, Justin Kurzel, Paul Ranford
    Drehbuch:
    Shaun Grant
    Kamera:
    Ari Wegner
    Musik:
    Jed Kurzel
    Genre:
    Drama
    Darsteller:
    George MacKay, Essie Davis, Nicholas Hoult, Thomasin MacKenzie, Sean Keenan, Russell Crowe, Charlie Hunnam
    Inhalt:
    Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Peter Carey inszeniert Regiesseur Justin Kurzel die australische Nationallegende Ned Kelly im postmodernen Look mit ein viel Rock’n’Roll.
    Start (DE):
    20.08.2020
    Start (USA):
    09.01.2020
    Laufzeit:
    124 Minuten
    FSK:
    ab 16 Jahren
    Links
    Webseite:
    https://www.kochmedia-film.de/dvd/details/view/film/true_history_of_the_kelly_gang_dvd/
    Bilder
    • Outlaws-01.jpg

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