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Tokio!

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  • Einleitung


    Tokio ist eine der modernsten und pulsierendsten Metropolen der Welt. Wenig verwunderlich also, dass die Stadt auf viele Menschen eine ungemeine Faszination ausübt. Wie in allen Großstädten birgt sie auch reichlich Fundament für allerlei obskure Situationen und Figuren. Und mit dem Film Tokio! widmeten sich drei spezielle Filmemacher ihren Blickwinkeln auf die Stadt und ihre Bewohner. Dabei entstanden sind drei Kurzfilme, die inhaltlich genau das Unkonventionelle bieten, was man von den drei preisgekrönten Regisseuren erwarten würde. Neben dem südkoreanischen Oscarpreisträger Bong Joon-ho (Parasite) schrieben und inszenierten auch noch Michel Gondry (Vergiss mein nicht) und Leos Carax (Die Liebenden von Pont-Neuf) jeweils eine Episode.

    In einer Geschichte mutiert eine auf der verzweifelten Suche nach einer Wohnung befindlichen Frau nach und nach zu einem Sitzmöbel, in einer anderen steigt eine Kreatur aus der Kanalisation, die die Bewohner der Stadt in Angst und Schrecken versetzt und in der dritten Geschichte verliebt sich ein sozial isolierter Mann, ein Hikikomori, in eine Pizzabotin und verlässt zum allerersten Mal seine Wohnung.

    © 2021 Koch Films

    Kritik


    Michel Gondry eröffnet mit seiner Episode um ein Pärchen, das in der Weltmetropole verzweifelt eine bezahlbare Wohnung sucht, durchaus gekonnt die Kurzfilmsammlung Tokio!. Relativ unspektakulär aber dennoch irgendwie sympathisch beginnt sein Werk ohne dabei den unerwarteten Ausgang anzudeuten. Mit einer Prise Humor wandeln seine Figuren durch die Stadt und werden von ihrer Unzuverlässigkeit beziehungsweise Perspektivlosigkeit nach und nach eingeholt. Wenn die Protagonistin dann plötzlich anfängt zu einem Möbelstück zu mutieren, geschieht das ebenso unerwartet wie faszinierend. Nicht nur tricktechnisch ist das makellos umgesetzt, sondern auch dramaturgisch bringt es Gondry auf fast schon berührende Weise zu einem interessanten Schlussakt. Seine Figuren werden so zwar ungewöhnlich aber irgendwie auch konsequent zu ihrer Bestimmung geführt.
    Das gleiche lässt sich über die Episode des französischen Filmemachers Leos Carax nicht sagen. Er fährt zwar in seinem Kurzfilm um einen merkwürdigen Mann, der aus der Kanalisation steigt und die Bewohner von Tokio terrorisiert die wahrscheinlich abgedrehtesten Ideen auf, doch ist seine Hauptfigur auch dermaßen abstoßend, dass es wenig Spaß macht den Geschehnissen zu folgen. Darüber hinaus ist es merklich schwer eine Verbindung zur Stadt Tokio zu ziehen. Grundsätzlich hätte seine Geschichte in jeder x-beliebigen Stadt angesiedelt sein können. Es hätte keinen Unterschied gemacht. So gelingt es Carax nicht wirklich seine Zuschauer abzuholen und bietet mit seinem Kurzfilm den wahrscheinlich ideenreichsten aber gleichzeitig auch lieblosesten Beitrag von Tokio!.

    Bong Joon-ho präsentiert mit seinem Werk über einen Hikikomori, der sich in eine wunderschöne Pizzabotin verliebt das überraschend unaufgeregteste Projekt. Doch bleibt er sich in der Hinsicht treu, dass auch hier, wie in seinen zahlreich gefeierten Spielfilmen, die Figuren stets der Kern seiner Geschichten sind. So gelingt es ihm mit den beiden merkwürdig erscheinenden Protagonisten eine warmherzige Liebesgeschichte aufzubauen, die mit all den neurotischen Schwierigkeiten auch für reichlich respektvolle Schmunzler sorgt. Dabei ist es vor allem die bezaubernde Yû Aoi als Pizzabotin, die einen immer wieder zu begeistern weiß. So ist Bong ein kleines aber sehr schönes Filmchen geglückt, das zwar nicht an die Klasse seiner Langfilme heranreicht, aber dennoch durchweg sehenswert ist.

    Grundsätzlich kann man aber keinem Werk eine visuelle Stärke absprechen. Mit spürbar wenig Budget sieht jede Episode hochwertig aus und bleibt trotz der aufgeregten Location überraschend intim. Laute Menschenmassen, grelle Leuchtreklamen und erschlagende Hochhäuser sucht man hier vergebens. Alle drei Filmemacher versuchen sich auf das Wesentliche zu fokussieren und sich nicht im Pompös der Großstadt zu verlieren. Auch wenn das mal mehr und mal weniger gut geglückt ist, geht das Bestreben dennoch über weite Strecken auf.
    Leider verpasst es jeder der drei Regisseure einen wirklich langanhaltenden Eindruck zu hinterlassen. Dabei glückt dies Gondry mit seinem überraschenden Schlussakt noch am meisten. Ansonsten sind die Filme in erster Linie nette Kunstprojekte von vielversprechenden Namen. Der Ausrutscher von Carax mittendrin mindert das Sehvergnügen dennoch spürbar.

    © 2021 Koch Films

    Fazit


    Tokio! klingt vielversprechend, ist am Ende aber leider etwas ernüchternd. Bei Namen wie Michel Gondry, Bong Joon-ho und Leos Carax erwartet man einfach deutlich faszinierenderes Material. Die jeweiligen Kurzfilme kommen eher unauffällig daher und bieten kleine mit durchaus unerwarteten Einzelmomenten gespickte Experimente, die aber wenig Langanhaltendes bieten. Carax geht dabei zwar noch am mutigsten vor, scheitert aber leider auch am meisten mit seinem abstoßenden und wenig auf die Stadt bezugnehmenden Projekt.
    Am Ende bleibt dann nur ein netter, im besten Fall leicht überdurchschnittlicher Gesamteindruck von Tokio!.


    6/10

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    Infos
    Originaltitel:
    Tokyo!
    Land:
    Japan, Frankreich, Südkorea, Deutschland
    Jahr:
    2008
    Studio/Verleih:
    Capelight Pictures
    Regie:
    Bong Joon-ho, Michel Gondry, Leos Carax
    Drehbuch:
    Bong Joon-ho, Michel Gondry, Leos Carax
    Kamera:
    Jun Fukumoto, Masami Inomoto, Caroline Champetier
    Musik:
    Lee Byung-woo, Étienne Charry
    Genre:
    Drama
    Start (DE):
    26.02.2021 (digital), 11.03.2021 (Blu-ray, DVD)
    Start (USA):
    06.03.2009
    Laufzeit:
    112 Minuten
    FSK:
    ab 16 Jahren
    Bilder
    • Tokio!-03.jpg

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