Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (Martin McDonagh; Harrelson, Rockwell)

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    Es gibt 60 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Scholleck.

      Wucki schrieb:



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      - Small enough for one character to know about another character’s illness, but too big for hospital staff to know they shouldn’t put the perpetrator of violence in the same room with the victim of his violence?



      Ich nehme mir mal nur diesen Punkt exemplarisch heraus. Natürlich ist das unlogisch, auch ich habe das als unlogisch empfunden. Aber der Film ist eine Groteske, eine Satire, eine zynische, pechschwarze Komödie usw...je nach dem, in welche Schublade man den Film nun unbedingt zu stecken gedenkt. Deswegen sind solche kleinen Schnitzer (die sich auch der Drehbuchautor mit Sicherheit bewusst ist) durchaus in diesem Rahmen erlaubt. Hier wird auf Kosten von ein wenig Authentizität eben Skurilität gewonnen. Wer das als "schlechtes Writing" bezeichnet, muss auch jedes Coen-Drehbuch als schlecht und unlogisch ansehen.
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      Nein muss man nicht.
      Es geht nicht mal primär um die Logik dahinter, sondern was McDonagh mit ihr bezweckt. Sie führt den Gedanken ja weiter aus, in dem sie schreibt: "Forgiveness can be a powerful storyline, but forgiveness is pretty cheap if it ignores inflicted pain and the need for justice." Nichts davon zeigt oder deutet der Film an.
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      Red wird von Dixon beinahe umgebracht und findet sich kurze Zeit später mit seinem Peiniger im gleichem Raum wieder, nur damit McDonagh mit der Stohhalm Szene zeigen kann, auch hier ist noch Vergebung möglich. Es benötigt nur den Zufall, ein überaus unfähiges Krankenhaus und drei "sorry". Egal ob nun Satire, Groteske oder was auch immer, hier spart das Drehbuch die ganze Gefühlslage des Opfers aus, die wichtig wäre um seine Vergebung greifbar und nachvollziehbar zu machen, um plakativ die Intention des FIlms zu untermauern. Wenn das mal nicht mit dem Dampfhammer kommt. Sorry, dass funktioniert für mich nicht.



      "No form of art goes beyond ordinary consciousness as film does,
      straight to our emotions, deep into the twilight room of the soul.
      "
      Ingmar Bergman
      Also ich habe das nicht zwingend so gesehen, dass er ihm vergibt. Es zeigt, dass er in sich einen besseren Menschen sieht und über seinen Schatten springt und ihm hiflt. Das heißt aber noch lange nicht, dass er ihm vergibt, was er ihm angetan hat, geschweige denn, dass er und seine Handlungen dem Zuschauer gegenüber entschuldigt werden. Dein verlinktes Review kritisiert ja, dass der Film angeblich vergessen macht, was zuvor alles geschehen. Aber das finde ich nicht. Und die Szene, über die wir gerade reden, drückt für mich Menschlichkeit aus, nicht Vergebung aller Sünden. Und ich finde durchaus, dass man in seinen Augen zunächst erkennt, dass er innerlich mit sich ringt. Und dann springt er sozusagen über seinen Schatten. Dafür brauch es doch nicht eine minutenlange Exposition, um die Gefühlslage klarzumachen.

      Daleron schrieb:

      Also ich habe das nicht zwingend so gesehen, dass er ihm vergibt.

      nd die Szene, über die wir gerade reden, drückt für mich Menschlichkeit aus, nicht Vergebung aller Sünden.


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      ​So ähnlich sehe ich das auch. Hab das jetzt auch nicht als Vergebung gesehen. Für mich schwang da auch etwas Mitleid mit. Nicht bzgl. der Verletzungen, sondern bezogen auf seine bedauernswerte Persönlichkeit. Die Szene mit dem Orangensaft zeigt für mich auch, dass er ihm einen Schritt entgegen kommt. Wie @Daleron schreibt, Menschlichkeit zeigt.
      Wegen der diskutierten Szene: Ich fand gerade die sehr stark und sie zählt zu meinen liebsten im Film.

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      Ich meine die, in der Red Dixon im Krankenhaus "vergibt". Ich habe da bewusst Gänsefüßchen verwendet, weil mein einerseits nicht wirklich weiß, ob er ihm "vergeben" hat. Also falls "vergeben" für einen ein einfaches "alles ist vergessen und wieder gut" bedeutet. Vielleicht täusche ich mich und ich will niemandem zu nahe treten, der das kritisch sieht oder als billige Vergebung empfindet. Aber ich glaube, das Wort "Vergebung" wird heute wahnsinnig klein geschrieben. Groß geschrieben wird dagegen Gerechtigkeit. Jeder soll das bekommen, was er verdient, damit am Ende die Rechnung stimmt. Und irgendjemand legt da dann eben fest, wie genau abgerechnet wird. Hat für mich manchmal auch einen seltsamen Beigeschmack, was hier und dort als gerecht empfunden wird. Vergebung dagegen wird - meinem Eindruck nach - als Schwäche ausgelegt. Dabei sehe ich das komplett gegenteilig, Vergebung ist wahnsinnig schwer und kostet enorm viel Charakterstärke. Diese Stärke zeigt Red. Ich glaube auch nicht, dass er deswegen vergisst, was Dixon getan hat. Red wäre kein Mensch, wenn er das könnte. Aber dieser Schritt, auf ihn zuzugehen, hinter den Rassismus und die Frauenfeindlichkeit zu blicken (nicht umsonst sieht Dixon in der Szene aus, als würde er eine Maske tragen, nur das tränende Auge ist sichtbar) und dort einen Menschen zu entdecken, dem man vergeben kann (das Glas reichen kann) - das ist ganz groß. Was wäre denn die Alternative gewesen? Wäre es für den Zuschauer befriedigender gewesen, wenn Red nun auf ihn eingeprügelt hätte? Vielleicht ein bisschen am Morphium geschraubt hätte, dass Dixon drauf geht? Wäre wohl alles nachvollziehbar - aber eben auch nicht gut. Und von so einer Gerechtigkeit hätte ich als Zuschauer nichts gehabt.


      Ne, also ich denke drüber nach und kann an der Szene oder auch insgesamt am Film nichts Verwerfliches finden.
      Wow, was war das denn bitte für ein toller Film? Zunächst war ich ja doch positiv überrascht, dass der bei uns im Multiplex lief und der große Saal wirklich gut gefüllt war. Der Oscar-Buzz scheint dem Film gut zu tun.

      Ansonsten war das für mich endlich mal wieder ein Film, bei dem ich lachen konnte. Mein Humor ist ja doch eher schwierig, aber das traf es eben genau - hatte ich nach Brügge und 7 Psychos aber bereits erwartet.

      Was ich hingegen nicht erwartet hatte, dass bei all der punktuellen Brutalität und dem Witz noch soviel Drama enthalten war. Das war doch teilweise echt heftig, so dass ich nicht nur einmal schlucken musste. Wenn ich da bspw. an den Brief vom
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      Chief denke, der in der einen Zeile echt makaber schwarzhumorig ist, um in der nächsten Zeile wirklich total emotional ist mit "ich möchte dich nicht leiden sehen"
      , dann war da doch ein großes Gefühlsspektrum bei. Hätte ich so jetzt nicht unbedingt erwartet. Das tolle aber ist: Es funktioniert. Es passt und weder die dramatischen Elemente noch der Humor wirken deplatziert. Das ist schon eine Kunst, das so verbinden zu können.

      Und auch die Tiefe des Films auf der Metaebene gefiel. Es geht um Schuld, Sühne (und nicht Dostojewski), Vorurteile und wirklich ambivalente Charaktere, die alle eigentlich voll Scheiße sind. Aber wir lernen sie kennen, wir verstehen sie (bis auf den Rassismus) ein wenig. Die Charaktere sind allesamt toll geschrieben, und wenn der eigentlich "unschuldigste" Charakter ein Dummchen ist, heißt das schon was. Solche Charaktere können aber nur dann funktionieren, wenn die Darsteller das angemessen transportieren können. McDormand ist ne Wucht, und ich bin noch unentschlossen, ob ich sie oder Sally Hawkins bei den Oscars favorisieren. Haben beide so ihre Stärken, die schwer vergleichbar sind. Ich schätze, dass McDormand das Dingen holt. Sam Rockwell ebenfalls toll, der auch eine breite Palette an Gefühlsregungen abruft, und Woody Harrelson wirkt authoritär und entschlossen, vermittelt aber gleichzeitig das richtige Maß an Verletzlichkeit, die angesichts seiner Rolle auch notwendig ist.

      Auch die Inszenierung konnte sich sehen lassen, der Score erinnerte mich an manchen Stellen schon fast an die Western, die von Ennio Morricone vertont wurden.

      Ich bin jedenfalls total begeistert, habe mich trotz aller Ernsthaftigkeit, die der Film subtil vermittelt, sehr unterhalten gefühlt und denke, dass Best Picture an Three Billboards geht.


      9 Punkte.



      edit: Die von Wucki verlinkte Review kommt mir so vor wie "ich muss diesen Film nun schlecht finden, ich finde schon was". Dass manche Dinge der Story dienen, wird gerne vergessen. Ich hoffe, die Rezensentin bemängelt auch in jedem Film, dass fast nie jemand auf die Toilette muss und dass dies total unrealistisch ist.
      Als großer Fan der anderen beide Film freue ich mich um so mehr das von dir @Emily zu lesen .
      Hoffe das ich es nächste Woche zum Kino schaffe .




      "Ich bin der Dude! Und so sollten Sie mich auch nennen, ist das klar! Entweder so, oder seine Dudeheit, oder Duda, oder ... oder auch El Duderino, falls Ihnen das mit den Kurznamen nicht so liegt."

      Payback schrieb:

      Als großer Fan der anderen beide Film freue ich mich um so mehr das von dir @Emily zu lesen .
      Hoffe das ich es nächste Woche zum Kino schaffe .


      Ich mag die anderen beiden Filme auch, aber hier merkt man doch noch einen großen Sprung nach vorne. Mehr Tiefgründigkeit, mehr Drama, aber auch nochmal mehr Witz - und trotzdem rund.

      Freue mich auf deine Rezension.
      Fantastischer Film. Three Billboards Outside Ebbing, Missouri schafft es mit seiner Mischung aus Tragik und Komödie, die sich perfekt ergänzen und tatsächlich sogar gegenseitig unterstützen, ein Wechselbad der Gefühle hervorzurufen, wie es nur ganz wenige Filme können. Die Handlung ist simpel wie abstrus, aber dabei so genial präsentiert und in klasse Bildern eingefangen, dass die Zeit im Kino wie im Flug verging und ich den Film direkt im Anschluss am liebsten nochmal gesehen hätte.

      Die dichte Atmosphäre, die mal locker, mal total angespannt ist, vermittelt ein gutes Gefühl für die Figuren, was sie durchmachen und wie es generell um das Leben in diesem kleinen Dörfchen steht. Frances McDormand kann den Film problemlos tragen und kommt dabei ganz fantastische Unterstützung von Woody Harrelson und Sam Rockwell.

      Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ist jetzt schon einer der besten Filme, die ich dieses Jahr wohl sehen werde. Ganz schwer, den noch zu toppen.


      9/10
      :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :stern2:

      Origano schrieb:

      Wurde auch mal Zeit

      Ich hätte ihn ja eigentlich schon letzte Woche gesehen, aber einem Freund ist dann was dazwischen gekommen und so sind wir erst jetzt am Samstag im Kino gewesen. Wie das halt so ist, man kennt es ja, wenn man sehnsüchtig auf diesen einen besonderen Film wartet :D

      Werde mir aber dann jetzt die Tage auch mal deine und Patricks Kritik ansehen, wollte ich vorher nicht machen, da ich gerade in diesen Film unvoreingenommen gehen wollte ^^
      In aller kürze:
      Ich kann mich der allgemeinen Begeisterung hier definitiv anschließen. Three Billboards outside Ebbing, Missouri ist ein wundervoller und zugleich absurder Film geworden. Martin McDonagh schafft es ein tieftrauriges und erschütterndes Thema mit Ernsthaftigkeit und skurrilem Humor zu verschmelzen. Frances McDormand und ganz besonders Sam Rockwell zeigen eine großartige Schauspielerische Leistung, dabei werden sie vor allem durch das gelungen Drehbuch unterstützt.
      Sehr sehenswert!

      8,5/10


      LETTERBOXD

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      dieKritik
      wow was für ein starker film.

      ​ich hatte so tolle Gefühle beim kucken. der film macht immer was unvorhersehbares - und ist zudem anspruchsvoll und unterhaltsam in einem.

      ​ich mein manche figuren hasst man richtig ... und dann überraschen sie einen.

      ​bin echt schwer beeindruckt.

      ​und auch mal wieder ein film bei dem man Freudentränen verdrückt - jetzt kein heulen - aber jene art schweres herz , wie es einem einfach gut tut. sowas lieb ich einfach.

      9,5/10 Pkt.

      Frances McDormand hat den Oscar in der Tasche. Schwer vorstellbar, dass sie ihn dieses Jahr nicht bekommt. Beim Rest bin ich etwas unschlüssig. Starker Film (wie immer vom irischen Dramatiker). Martin McDonagh lasst seine Figuren wieder übelst leiden. Manchmal subtiler, manchmal weniger subtil. Aber sie müssen durch den Dreck um dann am Ende vielleicht wieder mal sauber dazustehen. Für das Meisterwerk fehlt mir dann aber dann noch was. Ich weiß nicht, ich weiß nicht, den rabenschwarzen Humor nehme ich McDonagh speziell hier einfach nicht ab. Den Coens in jeder Szene, aber McDonagh eher nicht. Die Nebenrollen, bis in die kleinste (Priester), wie immer glänzend besetzt. Ein starkes Stück. Keine Frage.

      8 / 10 hübschen Donald Sutherland-Frisuren ^^


      Streame die ersten unzensierten 10 Minuten.



      „Wonder Woman 2“

      1. November 2019

      Wie viele andere hier liebe ich den Film auch. Anfangs war ich nicht so begeistert und wollte auf eine DVD-Auswertung warten, aber dann ging es letztens doch ganz plötzlich in den Film und muss sagen, dass der Film unberechenbar ist. Man weiß nie so wirklich, was als nächstes passiert. Die Sprüche sind super, die Charaktere haben allesamt Tiefgang, der Film ist bitterböse, witzig, emotional und doch heiter und brutal. Kaum vorstellbar, dass alle diese Elemente so gut miteinander in einem Film funktionieren können. Ich kenne zwar McDonaghs anderen beiden Werke ("Brügge stehen..." und "7 Pyschos") nicht, aber wenn sie genauso gut sind, könnte er wohl recht schnell zu meinen neuen Lieblingsregisseuren aufsteigen :D
      Ich habe mir mit meinem Feedback zum Film jetzt ein paar Tage Zeit gelassen, um in Ruhe noch mal über alles nachzudenken und es sacken zu lassen. Aber ich kann den Lobhymnen hier leider nicht zustimmen. Vorab: Ich wollte den Film wirklich mögen. Und grundsätzlich steh ich auch auf skurrile, absurde, schwarze, tragisch-komische Filme. Sachen von den Coens usw. Aber „Three Billboards“ war für mich – obwohl er auch wirklich tolle Momente hatte – insgesamt nicht wirklich rund.Den Rest pack ich mal zur Sicherheit in den Spoiler.
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      Casting-Entscheidungen:
      Die Frau von Sheriff Willoughby und die neue Freundin von Mildreds Ex-Mann sind mir einfach zu Hollywood-hübsch. Die passen für mich eher in eine Jennifer Aniston RomCom als in diesen Film. Beide stachen aus dem restlichen Look einfach hervor.

      Peter Dinklage finde ich - wie die meisten hier - einen super Schauspieler. Aber für mich wurde sein Part völlig verbraten. Hier konnte er kaum was zeigen und hätte absolut problemlos durch irgendeinen anderen Schauspieler ersetzt werden können. Das bei der geringen Screentime keine tieferen Charakteristika herausgearbeitet werden können und auch die Motive relativ vage und – zumindest für mich – nicht wirklich nachvollziehbar bleiben ist klar. Für ein Date belügt er die Polizei in einem Fall der zumind. Zum Totschlag hätte werden können? Wird dann als Leiternhaltender good guy dargestellt, der auch beim Date ganz anständig bleibt und mit einem „ich hab das nicht nötig“ geht. Also entweder geh ich in diese Richtung und vertiefe die Beziehung zu Mildred im weiteren Verlauf noch etwas oder aber ich mach ihn zum erpressenden Arschloch, gegen das sich Mildred dann noch irgendwie zur Wehr setzen muss. Aber in der vorliegenden Version für mich überflüssig.

      Handlung/Charakter-Entwicklung/interne Logik:
      Wenn Sheriff Willoughby seinen Tod schon so gut plant, warum frägt er seine Frau noch, ob sie die Pferde machen will, um ihr dann im Scherz zu sagen, sie sei eine faule Schlampe und er mache es selbst? So kann sie sich nun ewig Vorwürfe machen, was passiert wäre, wäre sie nicht zu angetrunken/faul… gewesen.

      Ähnlich ging es mir bei den 5000$ für die Billboards im Folgemonat. Hey, cooler Joke. Aber, es hätte für mich besser gepasst, wenn es nicht 5000$, sondern evtl. nur 500$ gewesen wären (Hätte man ja locker so umschreiben können. 5000$ Kaution, dann für jeden Monat 500$). Der Typ begeht Selbstmord und hinterlässt wirklich jedem einen Brief um alles zu regeln. Und dann sind ihm – mit einer zu versorgenden Witwe und 2 Kindern – 5000$ einen Joke wert? Wirklich? Also der Anti-Walter White? Das passt für mich einfach nicht.

      Von mir aus kann man die beiden Patienten Red und Dixon in dieser Art von Film ins gleiche Zimmer stecken. OK. Aber Reds Verhalten ist mir völlig unerklärlich. Dixon prügelt ihn vorher, ich würde sagen fast tot, und wirft ihn aus dem Fenster und dann reicht ein „Hey, sorry“. Klar, können jetzt einige behaupten, es ginge dabei nur darum zu zeigen, dass sich Red besser verhalte oder so. Aber für mich bleicht das Ganze – im Rahmen dieses Filmes und mit diesen Figuren – nicht nachvollziehbar. Nicht, dass ich es für richtig hielte. Aber sagen wir, Dixon fragt nach einem O-Saft und Red pinkelt in einen Becher und stellt den hin. Das wäre für mich irgendwie runder gewesen.

      Man könnte jetzt diskutieren wer der Held/Protagonist dieses Filmes ist und es ließen sich wohl auch Argumente für Dixon finden. Aber auch dessen Entwicklung geht mir viel zu schnell und ist für mich nicht nachvollziehbar. Er wird eingeführt als dummer, gewalttätiger, rassistischer, folternder Cop mit Alkoholproblem. Und nur weil sein Sheriff, der ohnehin todkrank ist, Selbstmord begeht und ihm noch mitteilt, dass er ihn für einen guten Cop hielte, nur deshalb ändert sich dieser Typ um so ziemlich 180 Grad? Der Typ der vorher als völliger Hirni und Totalversager dargestellt wird, ist jetzt also so „bauernschlau“ und lässt sich, um die DNA eines Verdächtigen zu bekommen von dem völlig windelweich prügeln? Wenn ich das als Regisseur so haben will. OK. Dann zeichne ich die Figur aber vorher ein wenig anders. Ein Nebensatz, dass er im ersten Jahr an der Akademie zu den besten gehörte, aber dann der Alkohol…blabla. Und das Foltern war ja nur, weil es um ein entführtes Mädchen ging…blabla. Ja, ich weiß, klischeeig. Aber so war es für mich einfach „too much“.

      Und was mich am meisten störte, war der Auftritt des vermeintlichen Täters bei Mildred im Shop. Warum war diese Szene im Film? Wieso kommt der in ihren Shop? Kennt ihren Namen und den ihrer Tochter und des Sheriffs? Entweder der Typ ist tatsächlich ein Freund des Sheriffs, dann macht diese Szene an dieser Stelle und vor allem sein Hintergrundwissen etwas Sinn oder aber er ist ein kaputter Ex-Soldat aus dem Nachbar-Bundesstaat, der in Afghanistan ein Mädchen vergewaltigt und verbrannt hat. Warum sollte der in diesem Shop auftauchen und Ärger machen?


      OK. Insgesamt hatte der Film durchaus auch wirklich starke Momente: V.a. die schauspielerische Leistung von Frances McDormand, der Soundtrack, der grundsätzliche Plot. Aber insgesamt kann ich dem Film nur noch maximal 7/10 geben und damit ein gerade noch „gut“.
      Starkes Werk. Bezeichnend, dass die vielleicht mit am wenigsten IQ-gesegnete Figur des Films wohl die Kernbotschaft registieren darf: Dass nämlich Wut und Hass lediglich einen destruktiven Kreislauf in Gang setzen, der am Ende nichts Wertvolles hinterlassen kann. Doch um diese Erkenntnis zu generieren, müssen die Figuren in TBOEM einen steinigen, leidenschaftlichen und schmerzhaften Weg gehen. Die potenzielle Tristesse fängt das Drehbuch jedoch mit richtig schön derben, makabaren und versauten Humor auf - gefiel mir sehr gut. Man könnte anfangs noch annehmen, die Produktion macht es sich mit dieser dauer-polternden Hauptfigur und den eindimensionalen Nebenfiguren recht einfach, doch schnelll bröckeln die Fassaden und kleine Schlüsselmomente offenbaren die vorhandene Tiefe.

      TBOEM verarbeitet hier schöne Charakter-Entwicklungen und taucht intensiv in die Lebenswelt des mittleren US-amerikanischen Westens ein. Den Zuschauer lässt man bis zur letzten Szene an der dramaturgischen Stringenz zweifeln, doch man wird schließlich bestens bedient. Nach der superben Performance in Olive Kitteridge die nächste Top-Leistung von McDormand, doch auch Harrelson und Rockwell dürfen durchaus gelobt werden. Ein Film, der mit relativ wenigen Mitteln sehr viel erzählt. Sicher, es gibt explizite und knallende Szenen, die unterhalten, doch das Entscheidende passiert in den Nuancen der Dialoge.

      Mit dem Kinojahr 2018 muss ich mich freilich noch intensiver auseinandersetzen - da feht mir einiges - doch bisher das wohl beste Erlebnis, noch vor Call me by your Name.

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