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The Other Side of the Wind (Orson Welles, John Huston)

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      The Other Side of the Wind (Orson Welles, John Huston)

      The Other Side of the Wind



      Regie: Orson Welles
      Drehbuch: Orson Welles, Oja Kodar
      Darsteller: John Huston, Pete Bogdanovich, Susan Strasberg, Dennis Hopper
      Genre: Drama
      Laufzeit: 122 Minuten
      Kinostart: 02. November 2018 auf Netflix,
      Premiere am 31. August 2018 bei den Filmfestspielen in Venedig
      IMDB: Klick
      Metacritic: Klick
      Inhalt:
      The Other Side of the Wind ist ein Film von Orson Welles, der auf satirische Weise die Regie-Legende Jake Hannaford porträtiert, gespielt von John Huston. Er war als das Comeback des Regisseurs geplant. Der von Welles zwar abgedrehte, aufgrund seines Todes im Jahr 1985 jedoch nie vollendete Film wurde ab 2017 von Netflix fertiggestellt.
      Quelle


      Jessica, Only Child, Illinois, Chicago
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Wucki“ ()

      - The Other Side of the Wind

      Die Entstehungsgeschichte von The Other Side of the Wind - Orson Welles Comeback-Projekt, mit dem er seine Rückkehr nach Hollywood nach über einem Jahrzehnt im französischen Exil einzuleiten gedachte - ist lang und chaotisch, geprägt von endlosen Turbulenzen hinter den Szenen, langen Drehpausen und wechselnder Besetzung, was zu Neu- und Nachrehs führte und einem Abschluss der Dreharbeiten im Jahr 1976, sechs Jahre, nachdem die erste Klappe fiel. Zahlreiche Versuche, den Film über die Jahre fertig zu stellen, scheiterten am mangelnden Budget und Elementen, welche trotz des insgesamt 96-Stündingen gefilmten Rohamterials, nie komplettiert werden konnte.

      Orson Welles starb 1985 und über die Jahre gab es viele Versuche, The Other Side of the Wind zu finalisieren. Showtime war eine Zeit lang in die Produktion involviert, hat sich letztlich aber zurückgezogen. Filip Jan Rymsza von Royal Road Entertainment, zusammen mit Jens Kaul und Frank Marshall, haben sich schließlich die Rechte gsichert und die Komplettierung des Films ging in die finale Phase über, mit Peter Bognanovich - Cast-Member, seines Zeichens selbst Regisseur und Filmhistoriker sowie Welles enger persönlicher Freund - an Bord, der das Projekt überschauen sollte und einem Deal mit Netflix, die bereit waren, die Mamutaufgabe zu finanzieren und das Ganze zu vertreiben.

      The Other Side of the Wind feierte seine Weltpremiere am 31. August 2018, 48 Jahre nach nach Beginn der Arbeiten daran.

      Es ist ein kurioses Projekt. Im Kern geht es um J.J. Hannaford, einem alternden Regisseur, und seinem Versuch, mit einem Films namens The Other Side of the Wind wieder Relevanz in Hollywood zu finden. Der Film beginnt mit einem Blick nach vorne, als Hannaford offenbar in einen Autounfall verwickelt ist, der ihm das Leben kosten wird. Die Hauptportion des Films ist allerdings ein wechselnder Schnitt zwischen furiosen, ausschweifenden und wilden Partyszenen und Ausschnitten aus Hannafords Film-im-Film, in welchem wir einer splitternackten nativen Amerikanern durch verschiedenste Setszenen, Landschaften und Szenarien splitternackt folgen.

      The Other Side of the Wind - also der Film, nicht der Film-im-Film - ist eine Art Persiflage auf das Hollywood der 1960er - speziell dem Trubel, der hinter den Kulissen vor sich ging, was für Beziehungen zwischen Kollegen herrschten, wie die Presse mit den Stars umging und womöglich auch auf Welles eigene Karriere, zeigt The Other Side of the Wind doch verblüffende und sicherlich nicht ganz zufällige Parallelen auf das Leben und Schaffen des Regisseurs. Ich denke, das ist nicht ganz abzustreiten, auch wenn Welles wohl stets betonte, dass Hannaford nicht basierend auf seiner Selbst sei: Aber dauernde Schwierigkeiten mit Studios und Geldgebern, seine Zuneigung dem Alkohol gegenüber und fortlaufende Liaisons mit einer Vielzahl an Damen lassen mehr als nur eine oberflächliche Ähnlichkeit erkennen.

      Gespielt mit einer beeindruckenden Präsenz von John Huston, der jede Szene mit mit seiner markanten tiefen, resonanten Bariton-Stimme einnimmt, wird Hannaford zum absoluten Fokus des Films gemacht. Selbst in Szenen, an denen er gar nicht teilnimmt, wird über ihn gesprochen: Über Auseindersetzungen, die er am Set hatte, über seine sexuelle Orientierung, die ständig hinterfragt wird, über seine Unfähigkeit, Finanzierer für sein großes Comeback zu finden und überhaupt über den Inhalt des Films, welcher sich keinem der Zuschauer so recht erschließen will. Auch hier, behaupte ich, steckt Absicht dahinter, denn nicht nur ist es den Zuschauern im Film unklar, worum er sich dreht. Auch dem Zuschauer zu Hause - also mir - fiel es zunehmend schwer, dem Sinn und der Sinnigkeit zu folgen, die hinter den Intentionen steckten.

      Die Vielzahl an Charakteren und Namen zu Charakteren, die wir nie oder selten sehen, hat mir zunehmend Schwierigkeiten bereitet, zu folgen, von wem gerade überhaupt gesprochen wird. Die wilden Kameraeinstellungen, überfüllte Szenenbilder und die unangenehmen Close-Ups sorgen für ein Gefühl der ständigen Bedrängtheit. Die Film-im-Film-Szenen geben dem Zuschauer einen kurzen Stop zum Aufatmen und die schöne Kamerarbeit, die teils fantastische Landschaftsaufnahmen zeigt, gibt dem Hirn eine wohlvediente Pause für Zwischendurch. Versucht man aber dahinterzublicken, was Hannafords Film erzählen möchte, endet man sehr schnell vor einer Steinmauer, über welche man nicht drüber blicken kann. Der Film ist eindeutig schön anzusehen, aber was ich daraus lernen oder mitnehmen soll, ist nach 120 MInuten so offen, wie so viele andere Fragen, die der Film über seine Charaktere stellt.

      The Other Side of the Wind ist sicherlich alles andere als langweilig. Zumindest auf mich hat sich eine durchgehende Faszination ausgewirkt. Denn wer sich, wie ich, für Hollywood interessiert und ein Faible hat für europäisches experimental cinema der 60er - wovon sich Welles sichtlich hat beeinflussen lassen, als er den Film komponierte - wird hieran seine Freude haben. Oder auch nicht. Wer weiß. Denn so fasziniert ich auch war, ich bin letztlich nicht so recht schlau daraus geworden, was ich gesehen habe. Die scheinbare Strukturlosigkeit trägt ihren Teil bei zur Unüberschaubarkeit der Party und der teilnehmenden Gäste. Vielleicht reflektiert sie aber auch Orson Welles' geleistete Regiearbeit und die Schwierigkeit, vier Jahrzehnte später Intentionen daraus abzulesen, was der Mann eigentlich damit vorhatte. Es ist sicherlich korrekt, diese Arbeit zu bewahren und für zukünftige Generationen zu sichern.

      Mein Respekt gilt den Beteiligten, die so viel Arbeit, Schweiß und schlaflose Nächte - nicht zu schweigen von einer Unmenge an finanziellen Mitteln - hier reininvestiert haben. Ich bin mir sicher, es war auch für Bogdanovich und andere, noch lebende Beteiligte, eine Genugtuung, ihre Arbeit endlich betrachten zu können. Aber ich werde den Gedanken nicht los, dass es vielleicht manchmal besser ist, Filme, die zu Lebzeiten des eigentlichen Regisseurs nicht fertigestellt werden konnten, vielleicht besser ruhen zu lassen.

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      Es gibt zu The Other Side of the Wind eine Begleitdoku namens They'll Love Me When I'm Dead, welche ebenfalls auf Netflix verfügbar ist. Darin wird die Arbeit an dem Film aufgezeichnet, bis hin zu den Arbeiten, die zur Fertigstellung des Films führten. Ich hab die Doku noch nicht gesehen, werde das aber die Tage nachholen und dann hier - wenn ich Zeit dazu finde - meine Meinung posten.
      "I think there should be visuals on a show, some sense of mystery to it, connections that don't add up. I think there should be dreams and music and dead air and stuff that goes nowhere. There should be, God forgive me, a little bit of poetry." - David Chase