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Burning (Südkorea)

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    Es gibt 21 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Data.

      Habe ihn auch diese Woche gesehen und bin sehr angetan. Wunderschön gefilmt und hervorragend besetzt, dazu eine mysteriöse Geschichte, die musikalisch kaum passender untermalt sein könnte und inhaltlich fesselt, obwohl nicht viel passiert, also im klassischen Sinn. Vieles spielt sich im Kopf des Zuschauers und über Metaphern ab.

      Freue mich schon auf die Zweitsichtung. Burning wird noch weiter wachsen, da bin ich mir sicher.

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      - Burning [버닝]

      Wahrnehmung ist eine tückische Sache. Was wir sehen und wie wir es interpretieren ist so subjektiv, wie es unsere Geschmäcker für Kunst oder Essen sind, unsere Sympathien gegenüber Menschen oder unser eigenes Wohlbefinden. Nicht umsonst sind Augenzeugenberichte die niedrigste Form der Beweislage in der Wissenschaft: Was jemand mit eigenen Augen gesehen hat, mag für die Person in ihrer Wahrnehmung richtig sein. Aber einer objektiven Prüfung halten diese Aussagen oft nicht Stand.

      Wie bewerten wir also Situationen, für die wir nicht alle Informationen zur Verfügung haben, um zu beurteilen, was nun wahr und was falsch ist? Burning spielt mit dieser Frage und hat daraus quasi sein Narrativ gebastelt. Wir folgen Lee Jong-su und aus seinem Blickwinkel allein erleben wir die Geschehnisse, die sich in Lee Chang-dongs Mystery-Thriller entfalten. Jong-su ist ein aufstrebender Autor, der in Shin Haeu-mi zufällig eine Bekanntschaft aus seiner Kindheit wiedertrifft. Sie reist nach Afrika und kehrt mit Ben an ihrer Seite zurück, einem mysteriösen Junggesellen, der seine Vergangenheit und seinen Beruf nicht preisgibt, aber in unvergleichlichem Wohlstand zu leben scheint. Während Jong-su sich in Haeu-mi verliebt, wird deren Beziehung mit Ben immer ernster. Gleichzeitig wächst Jong-sus Verdacht auf den attraktiven Junggesellen und auf dessen Absichten sowie seine Angst um Haeu-mis Sicherheit.

      Aus Jong-sus Blickwinkel allein bedeutet auch, dass wir über die inneren Vorgänge von Haeu-mi und Ben nicht mehr mitbekommen, als die beiden uns über Dialoge preisgeben. Haeu-mi scheint in ihrer eigenen Welt zu leben und dieser wird oft von Menschen aus ihrer Vergangenheit oder ihrem direkten Umgebung widersprochen. Nimmt sie es mit der Wahrheit also nicht so ernst? Oder passieren die Dinge in ihrem Leben so, wie sie es sagt und die Leute um sie herum fassen das nur anders auf? Haeu-mi ist so schön, wie sie fremd und eigenwillig ist. Sie bildet in gewisser Weise den Anker im Plot, um den sich alles dreht und doch bleibt ihre Vergangenheit genauso ein Rätsel, wie es ihr Ende in der Geschichte von Burning ist.

      Burning ist, was man gemeinhin als slow burn bezeichnet – ein ruhiger, nachdenklicher Film. Große Momente bleiben weitestgehend aus. Der Film macht sich viel daraus, kleine Gesten und Dinge zu beobachten und die Frage in den Raum zu stellen, was das über die Charaktere aussagt. Wieso ist Ben ständig müde und wie hängt das mit seinem unbesprochenen Hintergrund zusammen? Ist er nachts unterwegs und kommt nicht zu Schlaf? Wer ist der unbekannte Anrufer und worauf hat er es abgesehen? Was hat es genau mit Shae-mis Katze zu tun, auf die Jonng-su aufpassen soll, während sie verreist ist?

      Und apropos Jong-su? Er ist der unbeholfene Hauptakteur im Plot, doch ob er den Protagonisten gibt, darüber bin ich mir nicht so recht schlüssig geworden. Er ist der Fokus des Films, aber sein Agieren hat bis zum Schluss wenig Einfluss auf die Geschehnisse. Er ist der Autor, der nicht weiß, worüber er schreiben soll, der einer Geschichte hinterherjagt, die er nicht begreift. Er ist der Wahrheit oft so nahe, nur dass sie ihm im letzten Moment wieder aus den Fingern entgleitet. Es ist ein interessantes Konzept, einen Film auf diese Art zu gestalten, mit einem Hauptcharakter, der erst in den letzten Momenten eines 148-Minütigen Films endlich beginnt, zu handeln, anstatt nur den passiven Beobachter zu spielen und den Geschehnissen hinterherzulaufen. Aber vielleicht ist es auch die Lektion, die uns Burning lehren will: Dass selbst der allwissende Autor nur seine Perspektive geben kann und sich manche Dinge so tief im Schatten abspielen, dass er erst alles lichterloh in Flammen setzen muss, bevor er vermag, hindurch zu blicken.

      All diese Ambiguität ist von Lee Chang-dong meisterlich eingefangen. Burning ist eine Sonderklasse des Mystery-Thrillers, eine optische und erzählerische Wucht, die trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – ihrer beabsichtigt langsamen Erzählweise immer dann einschlägt, wenn der Film dies möchte. Yoo Ah-in als Jong-su und Jeon Jong-seo als Hae-mi geben wahnsinnig beeindruckende schauspielerische Leistungen ab. Aber es mag Steven Yeun sein, der Ben zum wohl hypnotisch-fesselndsten Charakter im gesamten Film macht. Man denke nur an seinen Monolog über sein geheimes Hobby und er allein verwandelt Burning für wenige Momente von einem Thriller in einen waschechten Horrorfilm.

      Ich war zutiefst gefangen von diesem Meisterwerk, das ich mir dieser Tage zum ersten Mal angesehen habe. Absolut originell, sowohl wie er erzählt wurde, wie auch in seiner Inszenierung. Der schmale Grad zwischen Wirklichkeit und was jemand als Wirklichkeit versteht überdeckt den ganzen Film mit einem Unwohlgefühl und einer Paranoia und das ohne den Schleier von Surrealität, unter dem sich manch andere Filmemacher clever fühlen und viel zu oft verstecken. Burning ist durch und durch makellos und daher kann ich hier nur die vollste Wertung geben und den Film zu einem meiner persönlichen Highlights des Jahres erklären.
      "I think there should be visuals on a show, some sense of mystery to it, connections that don't add up. I think there should be dreams and music and dead air and stuff that goes nowhere. There should be, God forgive me, a little bit of poetry." - David Chase



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